Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 59 (1915)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Der jetzige Weltkrieg und die Bibel
- Date
- 1915-01-01
- Page
- 4 (sequence 4)
- Language
- German
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4 Der jetzige Weltkrieg und die Bibel. die Bibel ist der Krieg die Betätigung einer Idee. Wenn aber der Krieg für eine Idee und in der klaren Erkenntnis geführt wird׳, daß diese Idee den heiligsten Besitz des Menschen umfaßt, daß diese Idee erst das Leben lebenswert macht, und daß es sich also verlohnt, für diese Idee selbst das Leben hinzugeben, dann erhebt sich der Krieg zu einer sittlichen Potenz von einer alles überragenden Hoheit, dann ist der Krieg eine Offenbarung des Göttlichen in uns, das zur Verwirklichung drängt. In diesem Sinne kann man die von Christian Rauch modellierte und von Albert Wolff ausgeführte Gruppe »Moses während der Schlacht mit den Amalekitern auf der Höhe betend« in der Friedenskirche zu Potsdam eine Verherrlichung des Kriegsgeistes der Bibel nennen. Wenn man diesen Moses mit dem von Michel Angelo vergleicht, dann begreift man, wie der Schlachtenlenker und der göttliche Sendbote vom Sinai in seiner Person sich vereinigen und gegenseitig ergänzen. Ich glaube also sagen zu dürfen: es besteht kein Widerspruch in der Bibel, in dem Punkte, daß sie den Krieg, wenn er geführt werden muß, ebenso hoch bewertet, wie den Frieden. Gestatten Sie mir nun, daß ich den kleinen Ausschnitt aus der biblischen Kriegsgeschichte, den ich Ihnen vorgeführt habe, auf den jetzigen Weltkrieg anwende. Die Episode von dem Zweikampf Davids mit dem Riesen Goliath ist gleichsam ein Scheinwerfer, der die Vorgeschichte des jetzigen Weltkriegs und ihn selbst nach allen Richtungen beleuchtet. Zuvor aber wollen Sie mir erlauben, daß ich für einen Augenblick Ihre Aufmerksamkeit auf das Leben der Kinder lenke, und dabei an Ihre väterliche und mütterliche Erfahrung appelliere. Denn in dem Leben der Kinder spiegelt sich das Leben der Erwachsenen, das Leben der Völker, ja der gesamten Menschheit. Wenn Kinder, oder, sagen wir höflicher, Knaben mit einander streiten und in ihrer jugendlichen Wildheit irgend einen Schaden anrichten, der sie zur Besinnung bringt, dann ist die erste Wirkung der wiedereingekehrten Vernunft die, daß der eine Knabe den andern beschuldigt: »Du hast angefangen«. Der Beschuldigte