Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 58 (1914)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Die Darstellung der Juden im deutschen Roman des zwanzigsten Jahrhunderts
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 109 (sequence 13)
- Language
- German
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des zwanzigsten Jahrhunderts. 109 und einen eigenen Zug von Adel und Feinheit im Gesicht. Jeanette wirft ihm in Gegenwart Bojesens, der eben Zeuge sein soll, vor, daß er von ihr keusche Liebe verlangt und gefordert habe, sie solle von ihm fortgehen, damit seine Liebe größer und sein Gefühl reiner werde. »Ich will von dir träumen, aber dich nicht besitzen, denn der Besitz macht arm.« (Ein Gedanke, den merkwürdigerweise schon Lessing mit denselben Worten ausgesprochen hat.) Sie solle einen anderen heiraten, nur damit sie ihm begehrenswerter erscheine. Bojesen soll entscheiden. Dieser betrachtet »die schwammigen, nervösen Züge des jungen Mannes, (die ja eben einen eigenen Zug von Adel und Feinheit zeigten), und spricht als Deutero-Wassermann: »Es liegt in der Zeit. . . Es ist all dies Mystische und Schwächliche, das über uns gekommen ist wie eine Krankheit, daß wir (ja, wer? Doch nur die Menschen von der Überkultur der Ästheten) nicht mehr wissen, was Kraft oder Roheit oder wahrhafte Scham oder Unnatur ist. Sie sind Jude, Herr Nieberding.« Da liegt nun der Hase im Pfeffer, Nieberding und Jeanette sind Juden, der eine pervers, die andere sinnlich-lüstern, und da ergibt sich eine treffliehe Gelegenheit alles Üble auf die Glaubensgenossen zu häufen. »Nun,« fährt er also fort, »Ihr Volk ist es, das uns dies Geschenk gemacht hat, Ihr arbeitsames, intelligentes, stets an Extremen bauendes Volk. Sie lieben nicht das Weib, sondern Sie lieben die Liebe, nicht die Selbstbetrachtung und Selbstvervollkommnung, sondern das Quälerische, Zerstörende, Erniedrigende, alles, was Sie zum Märtyrer macht. Es gibt viele von Ihrer Art. Flagellanten, und der Gott, vor dem Sie sich geißeln, ist das wohlbekannte ich, diese Phrase von der Individualität, vor der jetzt alles auf den Knien rutscht. Und wenn ich sage, die Juden sind schuld, so ist es keine gedankenlose Anschuldigung. Nicht jene alten Juden, die noch fromm sind, sie sind entweder ehrwürdig oder komisch; nein die sogenannten