Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 58 (1914)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Die Darstellung der Juden im deutschen Roman des zwanzigsten Jahrhunderts
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 108 (sequence 12)
- Language
- German
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108 Die Darstellung der Juden im deutschen Roman derbe ihre Schüler usw., die landläufigen Redensarten. Vor die Lehrerkonferenz berufen und insbesondere von dem jüdischen Religionslehrer hart angefahren, erklärt er mit seltsamem Lächeln, ohne die klare Ruhe zu verlieren, die ihn bis jetzt erfüllt hatte, er sei kein Jude mehr und dann Bojesen in seinem Privatzimmer, er habe die jüdische Religion nie geliebt, oft sei ihm gewesen, er müsse allen Juden ein Wort sagen, das sie befreien könnte; erst die Geschichte mit Sperling habe ihn wirklich frei gemacht. Von der Schule wird er natürlich fortgejagt. Zu Hause erfährt er, Löwengard habe falliert, und seine Mutter sei erkrankt, denn sie haben dabei ihr kleines Vermögen verloren. Großvater Enoch wird wegen Wuchers verhaftet, und als letzten Schlag erhält Elkan vom Rektorat die Mitteilung des Ausschlusses seines Sohnes. Er hätte Agathon erdrosselt, wenn nicht ein furchtbarer Angstruf aus dem Krankenzimmer ihn zur Besinnung gebracht hätte. »Aus meinem Hause, du Christ 1« röchelt er und schwankt hinauf. »Sie stirbt! Schema Jisroel, adonai e 1 o h i m, adonai echot!« Agathon aber geht an ihm vorüber ins Zimmer der Mutter. Er sieht in ihr das Weib, das ihrer Liebe (zu Gudstikkers Vater Agathon, daher auch sein Name) entsagt, geliebt, verloren hatte. Sie erkennt aus seinen Blicken das Verständnis ihres Schicksals und wird — plötzlich gesund. Bojesen begibt sich wieder in den »siebenten Hirnmel«, wo er Jeanette getroffen hat. Sie fordert ihn auf, sie zu begleiten, denn sie braucht einen Zeugen, ein Urteil, eine Stimme, einen Blick, der sie billigt, ein Ohr, das sich nicht böswillig verschließt, sie will noch einmal etwas tun, was ihr Herz fordert und sehen, ob sie das Tor zur Welt der Andern für ewig hinter sich zuschlagen müsse. In einem vornehmen Hause fragt sie nach Eduard Nieber* ding. Schlürfenden Schrittes tritt dieser ein. Er ist ein junger Mann, schlank, groß und bartlos, hat dicke Lippen und eine dicke Nase, tiefliegende, etwas gerötete Augen