Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 58 (1914)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Die Darstellung der Juden im deutschen Roman des zwanzigsten Jahrhunderts
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 106 (sequence 10)
- Language
- German
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106 Die Darstellung der Juden im deutschen Roman dann gehste hin un siehst, ob se gefällt deinen Sinnen«. So belehrt ein Neger oder Wassermann seinen Sohn, aber nicht ein alter Jude seinen jungen Verwandten; denn so viel ich und wohl auch andere wissen, waren und sind auch heute noch die Juden auf dem Lande wenigstens wegen ihrer Keuschheit und ihres musterhaften ehelichen Lebens bekannt. Um aber ferner seine feine, wahrhaftige Charakteristik der Juden anzubringen, läßt der Dichter den hohlen Allerweltsmann Oudstikker im Kaffeehaus mit Agathons tüchtigem und geliebtem Lehrer Bojesen Zusammentreffen und unvermittelt die folgenden Weisheiten auskramen: »Wie leben wir denn? Sternenlos. Und unsere jüdischen Mitbürger sorgen dafür, daß uns der Himmel holder Ideale (Gudstikker selbst ist ein Lump) noch weiter fortrückt. Eigentlich wundere ich mich immer, wenn ich einen anständig gekleideten Menschen treffe, der kein Jude ist.« »Freilich, das ist ein Kardinalthema«, gibt Bojesen errötend zu. »Und das ganze Land ist in dieser Beziehung, was unsere Stadt im kleinen ist. Die Juden bringen ja das geistige Leben der Nation in Bewegung, schon deswegen, weil die Presse in ihren Händen ist. Vielleicht sind da diese scharfen Reagentien, diese Gewandtheit und Schlüpfrigkeit am Platz... Aber für das Hauptunglück halte ich, daß sie sich nun und von allen Seiten her auch in die Kunst eindrängen1)... Früher hatten die Juden genug zu tun, sich die Gebiete zu erobern, die ihnen nahe standen. Plötzlich nahmen sie teil an der reichen Kultur, die sie selbst mitschaffen halfen und wuchsen in die Kunst hinein. Jetzt sehen Sie überall jüdische Künstler, erschreckend viele, erschreckend gute... Sie sind Künstler, echte Künstler... Aber sie richten uns zugrunde ... Und ich will Ihnen sagen, woran es liegt: sie haben keine Tiefe«. Das ist doch ein tüchtiges Räsonnement. Ich wähle *) Vgl. den Aufsatz M. Qoldsteins im Kunstwart 1912. 1. Märzbeft: »Deutsch-jüdischer Parnaß«.