Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 58 (1914)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Die Darstellung der Juden im deutschen Roman des zwanzigsten Jahrhunderts
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 104 (sequence 8)
- Language
- German
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104 Di« Darstellung der Juden im deutschen Roman vor allem erst mit entblößtem Arm, dann mit der Schaufel die Kostbarkeiten zu retten. (Vergl. S. 102). Jetzt tritt auch ein mehr als neunzigjähriger Greis in den Saal; es ist Gedalja, der Vater Löwengards, der sich der armseligen Erscheinung schämt, und den er, weil er arm ist, vergessen hat und darben läßt. Und das ist echt jüdisch? Am folgenden Morgen ist Jeanette verschwunden, sie wird wirklieh »ein Frauenzimmer von der Gasse«, wie es denn zu der feinen Charakterzeichnung Wassermanns gehört, daß es für ihn kein reines, insonderheit kein reines jüdisches Weib gibt. In Agathon ist eine Wandlung vorgegangen; »es ist, als ob man in seinem Herzen etwas baue, und er will warten, bis es fertig ist.« Er (der Jude!) denkt an jenes Bild der Stationen, wo der nackte Jüngling mit einer Zange dem Heiland die Dornen von der Dornenkrone nimmt.« Wieder trifft er eines Abends auf dem Heimwege den allgegenwärtigen Gudstikker, wahrscheinlich, um von ihm zu hören, daß Juden keinen Natursinn haben, daher auch einen schönen Abend nicht genießen können. Sie trennen sich. Agathon geht heim, denn es war Vorabendfeier des Laubhüttenfestes, das 1885 im Gegensatz zu 1665 besonders früh ist, so gegen Ende August höchstens. Der fremde Gast ist wieder da und liest (ein polnischer Jude, der sich beim Anblick einer Christin das Gesicht bedeckt) — die »Zeitung für das Judentum«. Dann redet er sich in flammende Hitze gegen die Christen. »Ja,« sagt Elkan, »das ist ja ganz recht, aber schließlich sind wir doch nur Geduldete. Wir speisen an einer fremden Tafel und bei einem fremden Volk.« Das ist doch ein ganz hübscher Widerspruch gegen seine frühere Ansicht (s. S. 99). »Aber,« fährt er fort, »was können wir fordern? Nichts. Erobert haben wir ja genug.« Auch der eingefleischteste Antisemit kann keine andere Ansicht haben, als der objektive Jude Wassermann. Agathon trifft aber im elterlichen Hause auch