Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 58 (1914)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Die Darstellung der Juden im deutschen Roman des zwanzigsten Jahrhunderts
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 102 (sequence 6)
- Language
- German
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102 Die Darstellung der Jaden im deutschen Roman heißt sie auch anders,« entgegnet Frau Gudstikker mit feinem Lächeln. »Das sind so Worte, mein Lieber. Ich bin zu dumm dazu.« Agathon aber hat, noch immer an demselben Abend, ein fast unmögliches Gespräch mit seiner Base Jeanette, der Tochter Löwengards, (die selbstverständlich wieder rotes Haar hat) deren Verlobung gefeiert wird. »Hast du schon viel Böses getan?« fragt sie, und der siebzehnjährige Knabe erwidert: »Was ich getan, war nicht böse (er meint offenbar die Ermordung Sperlings). Es war auch nicht gut. Es wäre schlechter gewesen, wenn ich einem Vogel die Flügel genommen hätte. Oder kann es böse sein, wenn es dich erhebt, glücklich macht? Oder gut, wenn es das ganze, finstere Leben erkennen läßt und was man (siebzehnjährig!) versäumt hat und was andere versäumt haben?« Jeanette schüttet ihm ihr Herz aus. Sie soll heiraten. »Er ist nicht jung, er ist nicht alt, er ist nicht edel, er ist nicht gemein (siehe später!), ich kenne ihn nicht, ich weiß nichts von ihm, aber ich soll ihn heiraten der Geschäftsverbindung wegen. Ich werde verkauft und soll mich ruhig verkaufen lassen in das Bett eines Schweins. Erröte nicht, Agathon, jetzt ist nicht die Stunde zum Erröten; bei uns werden alle Mädchen verschachert, wie Häuser und Grundstücke. . .« Sie zog Agathon dichter neben sich: »Hab׳ ich nicht die feinste Haut, die du dir denken kannst? Habe ich nicht einen weichen Mund? Siehst du, ich küsse dich damit, und liebe ich nicht Alles, was schön ist, zum Beispiel deine Augen? Und wenn du mich liebst, siehst du, dann ist es dir gleich, ob ich in Gold und Ehren lebe oder ob ich verstoßen und verachtet bin, ein Frauenzimmer der Gasse. . . Und doch gibt es einen Mann, an den ich geglaubt hatte und der anders gehandelt hat, einzig und allein deswegen, weil er leiden wollte um mich, weil er mich mehr zu lieben wähnt, wenn er mich entbehren muß. Ist das nicht närrisch? Ich sitze da mit meinem Herzen