Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 58 (1914)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Die Darstellung der Juden im deutschen Roman des zwanzigsten Jahrhunderts
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 101 (sequence 5)
- Language
- German
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des zwanzigsten Jahrhunderts. 101 den Worte«, die Wassermann für seine Glaubensgenossen hat. Auf dem Heimwege trifft er noch Stefan Gudstikker aus Zirndorf, einen jungen Weltmann, der damals mit im Kahne Sperlings gewesen war. Der hört voll Überraschung den Namen Agathon, denn auch sein Vater heißt so. Da er Gefallen an dem Knaben findet, fordert er ihn auf, der Erwecker seines Volkes zu werden. Endlich gelangt Agathon in das Haus Löwengards. Im Vestibül steht eine fast nackte Kassandra. »Stets mußte Agathon die Augen vordem Bilde niederschlagen. Die dem Juden angeborene Scheu vor dem Nackten ging bei ihm bis zu physischem Schmerz.« (Vgl. die Szenen im Vorspiel S. 19 f.) Gudstikker aber erlebt noch ein Abenteuer. Unter dem Portal des jüdischen Waisenhauses findet er einen Knaben, der mit ängstlichen Bücken in das erleuchtete Treppenhaus starrt. Auf einige Erkundigungen Gudstikkers fragt der (wohlgemerkt!) jüdische Knabe: »Bist du der Herr Jesus?« Da hören sie ein herzzerreißendes Schreien im Inneren des Waisenhauses. Gudstikker beschließt der Sache auf den Grund zu gehen. Auf der Treppe zeigt ein Glasfenster den Propheten (sic!) Jephta mit seiner Tochter. In einem schmalen Raum aber wird er Augenzeuge einer Szene, wie sie etwa Dickens schildert. Ein Waisenknabe wird auf Befehl des Vorstehers vom Schuldiener grausam gezüchtigt. Gudstikker befreit den Armen und bringt ihn mit dem andern zu seiner Mutter. »Nun, das ist doch jüdische Degeneration wie sie im Buche steht,« sagt er ihr. »Ich weiß nicht, was im Buche steht,« entgegnete sie lakonisch. »Eigentlich sind die Juden viel bessere Menschen als wir, edlere Menschen. Sie trinken nicht, sie betrinken sich nicht, sie stehen besser in der Welt da als wir. Wenn bei uns nicht alles aus dem Leim geht, haben wir’s den Juden zu danken.« »Im Gegenteil. Sie sind ein Geschlecht von Zerstörern. Ich bin der Ansicht, daß unsere ganze Kulturkrankheit Judentum heißt.« »Wer weiß, vielleicht