Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 58 (1914)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Die Darstellung der Juden im deutschen Roman des zwanzigsten Jahrhunderts
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 99 (sequence 3)
- Language
- German
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des zwanzigsten Jahrhunderts. 99 dem Täter noch die Hand. S. 98); nie war er wie andere junge Leute seiner Abkunft Knecht gewesen. Es gab Leute, die sich fürchteten, wenn jemand von der Regierung ins Dorf kam; sie fürchteten ein Unglück für den Regierungsmann (Polizist?) und für den Wirt. Denn Sürich Sperling• verachtete den Adel, verachtete das Gesetz, ve• achtete die Pfaffen und verachtete die Obrigkeit (kurz der Nietzschesche Übermensch) . . Doch war sein Gemüt kindlich, und er war leicht zu lenken.« Man vergleiche die Gegensätze: Wild, stolz, unbezähmbar, keinem Vernunftgrund zugänglich und: das kindliche Gemüt und die leichte Lenkbarkeit. Es geht eben nichts über eine »feingezeichnete« Charakteristik, die besonders in das Deutschland des Jahres 1885 paßt, wo offenbar jeder tun konnte, was er wollte, zumal »ein Urbild des Germanen.« Elkan eilt sofort zu Sperling und fragt nach dem Sohne. Ohne Antwort geht Sperling ins Haus, das Agathon nach Angabe der Mägde schon verlassen hat. Dieser kehrt zurück mit einem sonderbaren Ausdruck im Gesicht, an seinem Hals ist eine blutige Schramme. Als ihm dann der Vater in seine Kammer folgt, findet er ihn über dem Neuen Testamente. Wütend zerreißt der Vater das Buch und in dem folgenden erregten Gespräch sagt Agathon: »Alle Völker hassen uns, und ich glaube, Gott haßt uns ebenfalls. ... Wir haben Jesus gekreuzigt, aber wenn wir es nicht getan hätten, wäre er nicht Jesus Christus. ... Trotzdem fluchen sie uns, und wir haben kein Vaterland.« »Warum nicht?« sagt der Vater, »hier ist unser Vaterland 1 Deutschland 1 Uns beschützt der Kaiser und das Gesetz.« (Siehe Sperling 1) »Kaiser und Gesetz sind nicht Deutschland, Vater. Und wo man beschützt werden muß, da ist man nicht daheim.« Das ist doch geistreich, freilieh ein Sophisma. »Wir sind,« fährt er fort, »Unebenbärtige in diesem Land und wir sind doch mehr als sie, stärker als siel« Das verstehe nun ich allerdings nicht, 7*