Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 58 (1914)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Hermann Cohens methodische Begründung des Judentums
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
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12 Hermann Cohens methodische Begründung des Judentums. eine Ethik geben. Ist nicht die Ethik, wie ja viele in unserer Zeit sagen, eine Erfindung, eine Erdichtung unserer Phantasie? Welche Kompetenz entscheidet nun, daß das Lehrgebäude der Ethik kein Luftschloß ist? All diese Fragen bilden eine Frage, die Lebensfrage der Ethik. Das Sollen hätte keine Berechtigung, wenn ihm der Seienswert abgesprochen werden müßte. Die Sittengesetze wären alsdann erklügelte Regeln für fromme Wünsche. Da muß sich ein neuer Begriff einstellen, der die Garantie für die Realität der Sittlichkeit zu leisten hätte. Dieser Begriff ist: Die Gottesidee der Propheten. Sie besagt: Gott ist der Bürge für die Realität der Sittlichkeit. Die Natur ist freilich keine Sittlichkeit. Der Wille darf nicht — wie es Schopenhauer tat — in die Natur verlegt werden. Aber dem Seinsollen darf das Sein der Natur nicht versagt bleiben, das will sagen: es muß eine Korrespondenz zwischen Natur und Sittlichkeit geben. Die Gottesidee besagt nicht die Identität von Natur und Sittlichkeit, sondern ihre Korrelation: die Realisierbarkeit des Sittlichen. Bildet der Primat der Ethik den Grundstein ihres Lehrgebäudes, so ist die Gottesidee der Schlußstein. Durch sie wird die Existenz des Sittlichen gewährleistet. Wohl gibt uns die Ästhetik darüber Aufschluß, daß das Sittliche keineswegs der Natur-Wirklichkeit entrückt bleibt. Wahre Kunst ist sittlich. Eine malerische Landschaft ruft in uns erhabene Gefühle hervor. Im Erhabenen vollzieht sich eine intime Verbindung des Schönen mit dem Guten. Es besteht eine innere Wechselwirkung zwischen dem ethischen und ästhetischen Grundelement. Und so ist hiermit eine der Verbindungslinien zwischen dem Sein der Natur und dem Sollen des Wollens bezeichnet. Indessen kann dies uns nicht als Antwort auf die Frage nach der Realisierbarkeit der Sittlichkeit gelten: es wurde hier bloß der Moment des Zusammenhanges zwischen Natur und Sittlichkeit angezeigt, damit ist aber die Möglichkeit des