Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 58 (1914)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Hermann Cohens methodische Begründung des Judentums
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2829132-2829859-2829861-2847388--40935-2847416- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
2 Hermann Cohens methodische Begründeng des Judentums, Auch wendet sich Cohen gegen das »praktische Christentum«, das in den letzten Jahrzehnten eifrig bemüht war, das Judentum zu verdächtigen und ihm sogar die Priorität des Monotheismus zu bestreiten. Er stellt die Exegese bloß, die von christlichen Theologen mit einer unverzeihlichen Leichtfertigkeit an der Bibel geübt wird. Als markantes Beispiel führt Cohen die Exegese am Gebot der Nächstenliebe an, welches im Evangelium nur als Zitat aus dem alten Testamente erscheint und von vielen Theologen als eine evangelische Neuerung gepriesen wird, während Lev. 19, 18 auf die Volksgenossen bezogen wird, obwohl es das. V. 34 deutlich heißt: »Denn wie euer Bürger soll der Fremdling euch sein, der mit euch wohnt, und du sollst ihn lieben wie dich selbst.« Nun ist es einleuchtend, daß, wenn man den Philosophen über den Juden wohl vergessen mag, man den Juden über den Philosophen nie vergessen kann. Cohen findet aber seine moralische Genugtuung in dem Bewußtsein, daß er diese ungerechte Verkennung eben als — Jude zu erdulden hat. Und es ist ein erhebendes Bewußtsein, an dem jahrtausendelangen Martyrium der jü* dischen Ideale mitbeteiligt zu sein. Konnte nun die Philosophie Cohens ob ihrer »Verjudung« keine richtige Wertschätzung finden, so ist die Frage umsomehr berechtigt, warum der Verfechter der jüdischen Sittenlehre selbst in der jüdischen Literatur nicht die ihm gebührende Beachtung findet? Seine methodische Begründung des Judentums hat noch nicht die Würdigung erfahren, die man hätte erwarten dürfen. Selbst die literarisehen Kreise, die das »Wesen des Judentums« zu ergründen bestrebt sind, kennen wohl Lazarus, nicht aber seinen überlegenen Gegner Cohen. Vielleicht liegt die Schuld für diese Verkennung nicht lediglich an uns, sondern zu einem gewissen Teil an Cohen selbst. Die Darstellungsweise und die Stilart