Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 57 (1913)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Christliche Talmudforschung
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
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8 Christliche Talmudforschung. Bedeutung. Der obige Streit aber der beiden jüdischen־ Schulen dreht sich um eine religiös völlig gleichgiltige und in sich nichtige Frage bloßer Neugier. Ich glaube nicht,, daß ich den Schulen Schammais und Hilleis Unrecht tue,, wenn ich diese Übung überflüssigen Scharfsinns als dem genannten Wort Jesu gegenüber religiös minderwertig be~ zeichne«. Wir aber glauben, daß Fiebig hier den Schulen Schammais und Hilleis nicht ein Unrecht tut, sondern ein doppeltes. 1. Es ist zum mindesten sehr oberflächlich, die fragliehe Kontroverse als »nichtige Frage bloßer Neugier« zu bezeichnen. Stünde diese Frage im Neuen Testament, so würden die einen sagen: welch tiefe philosophische Spekulation! die anderen: welch feine allegorische Einkleidung eines religiös-ethischen Grundproblems, der Frage, ob in der menschlichen Natur das Gute, das Himmlische oder das Böse, das Irdische ursprünglich sei1). Aber die Frage, ob der Himmel oder die Erde zuerst geschaffen worden sei, steht im Talmud, daher ist sie eine »nichtige Frage bloßer Neugier«. Auch zum Verständnis rabbinischer Aussprüche gehört ein »Körnchen Salz«, wie Wellhausen und Harnack2)׳ es für manchen den Theologen unbequemen Satz im Neuen Testament fordern. Diese berechtigte, ja selbstverständliche Forderung wird in der Tat eitrigst befolgt, wobei man sich nicht mit einem »Körnchen« Salz begnügt, sondern ganze Salzbergwerke verwendet. Rabbinische Sätze aber — sofern nicht durch Hinzutun von Salz die »ärgste Auslegung« erzielt werden kann — werden »ohne Salz« genossen. 2. Sucht man aber in der Frage der Schammaiten und: Hilleliten keinen tieferen Sinn, und hat sie mit Religion und *) Vgl. Aböth R. Nathan, I, Kap. 16, Koh. r. zu 4, 13 und das Gespräch zwischen Antoninus und Rabbi, Sanh. 91 b, Gen. r.. 34, 10. Vgl. Rahmer bei Bacher, Ag; Tan. I2, S. 277. *) Wesen des Christentums, S. 61.