Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 57 (1913)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Christliche Talmudforschung
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Christliche .Talmudforschung. 5 über das Judentum gerade bei den radikal-liberalen Theologen am schärfsten. Sie wollen gleichsam das, was ihnen an positivem Christentum abgeht, durch positiven und unbedingten Antijudaismus ersetzen. Wir wissen nun, warum christliche Theologen, Philosophen, Historiker und Religionsforscher auf die Kenntnis der rabbinischen Literatur verzichten. Daraus ergibt sich: Die Überzeugung, die Kenntnis des rabbinischen Schrifttums sei für das Verständnis des Neuen Testamentes notwendig, die Unkenntnis desselben sei eine Misere, bedeutet den Bruch mit der unmöglichen Fiktion, daß das Christentum über ein halbes Jahrtausend hinweg direkt an die Propheten anknüpfte; diese Überzeugung bedeutet die Erkenntnis, daß die Lehre Jesu vom Judentum nicht losgelöst werden kann, daß Jesus nicht anders dachte, fühlte und lehrte als seine rabbinischen Zeitgenossen. Die Konsequenz dieser Erkenntnis ist, daß das Christentum, für die damalige heidnische Welt eine Erlösung, dem Judentum keine neuen religiösen Wahrheiten, keine neuen ethischen Werte bieten konnte, daß es daher dem Judentum gegenüber nicht mit dem Anspruch auftreten kann, die vollkommenere, die Religion zu sein; daß dann die Juden wohl berechtigt sind, ihrer Religion treu zu bleiben, daß sie dafür nicht gestraft zu werden verdienen. »Ob aber nun etliche von den Zweigen ausgebrochen sind, und du, da du ein wilder Ölbaum warst, bist unter sie gepfropft und teilhaftig worden der Wurzel und des Saftes im Ölbaum, so rühme dich nicht wider die Zweige. Rühmst du dich aber wider sie, so sollst du wissen, daß du die Wurzel nicht trägst, sondern daß die Wurzel dich trägt«1). Zu welchem Resultat vorurteilsloses Eindringen in das rabbinische Schrifttum einen christlichen Forscher führen muß, zeigt Travers Herfords jüngstes Buch über den Pharisäismus2). Rom. 11, 17—18. 2) Pharisaism its aim and its method. London 1912. Vgl. Bacher