Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 57 (1913)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Christliche Talmudforschung
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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2 Christliche Talmudforschung. Die erstere Ansicht, die auf die Kenntnis der rabbinischen Literatur verzichten zu können meint, macht nicht bloß aus der Not eine Tugend, indem sie die *Misere« der wahrhafterschreckenden Unkenntnis des Judentums bei den christlichen Theologen zu rechtfertigen sucht, sondern sie ist auch eine Konsequenz der neueren wissenschaftlichen bibelkritischen Theologie. Die Tatsache der Entstehung des Christentums aus dem Judentum konnte auch die wissenschaftliche christliche Theologie beim besten Willen nicht ungeschehen machen. So blieb auch für sie das schwierige Problem, wie diese Tatsache mit der christlichen Beurteilung des Judentums in Einklang gebracht werden könne. Der Pharisäismus muß, da er! von den Begründern des Christentums bekämpft wurde, etwas sehr Schlechtes gewesen sein. Wie konnte nun aus der toten Asche des pharisäischen Judentums der junge Phönix Christentum entstehen? Wahrlich eine schwere Verlegenheit. Da kam die Rettung von der Bibelkritik, mit deren Hilfe die Theoiogie eine glückliche Operation am Organismus des Judentums vornehmen konnte. Sie zerlegte es in drei Religionen: die sogenannte prophetische Religion, das Gute im Judentum; die sogenannte Gesetzesreligion, das Schlechte; den sogenannten Judaismus mit seinem Ausläufer, dem Pharisäismus, das Schlechteste. Das Christentum ist nun nicht aus dem Judaismus entstanden, sondern es ist die Fort- Setzung und Verbesserung der Prophetenreligion; die Synagoge ist nicht mehr die Mutter des Christentums, sondern seine jüngere oder, nach anderen, seine »ältere, verärgerte und vergrämte Schwester«. Wozu dann die Kenntnis der rsbbinischen Literatur? Zur Beurteilung des Christentums genügen die Propheten, zur Verurteilung des Judentums genügt das Neue Testament; »wir brauchen also den Talmud nicht«. Fühlte man sich früher der Mutter gegenüber einiger״ maßen beengt, und regte sich ihr gegenüber zuweilen ein