Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 56 (1912)
- Issue
- Heft 1
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 105 (sequence 2)
- Language
- German
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Besprechungen. 105 das Streben hervor, die Behandlung der Judenfrage in Rußland in den Rahmen der russischen inneren Oesamtpolitik einzuspannen und sie so als ein einzelnes Teilstück des großen Russifizierungssystems überall begreiflich zu machen. Sorgsam wird im Zusammenhang mit diesem Nachweis zu Tage gefördert, welcher unermeßliche Schade» dem Lande selber mit solcher Politik im Allgemeinen und mit solcher Judenpolitik im Besondern zugefügt wird. Man muß dies Buch lesen, um zu erfahren, wie viel an den Juden, aber damit zugleich auch an den christlichen Einwohnern gesündigt wird, wenn Rassen- und Autochthonengrundsätze die herrschende staatsmännische Weisheit in einem großen Reiche ausmachen. Typisch wird wieder — auch in diesem Lande — Wert darauf gelegt zu zeigen, daß alles staatliche Experimentieren anUnterdrückten nutzlos bleibt, solange dieFesseln nicht gelöst werden, daß der Weg zur geistigen und sozialen Hebung lediglich durch Gewährung völliger Freiheit und Gleichberechtigung zu finden ist. »Diese ewige Wahrheit, die sich in den Ländern des europäischen Westens durchaus bestätigt hat, wäre auch für Rußland maßgebend. Man darf nicht das Mittelalter aus den Geistern auszutreiben hoffen, indem man die Leiber dem Mittelalter unterworfen hält; nur wenn der Staat selber auf das Mittelalter verzichtet, kann er die Seelen diesem entziehen. Es ist ein furchtbares Unglück, daß die leitenden Kreise Rußlands solche Wahrheit noch heute nicht erkennen wollen.« Besonders gewichtig erscheint der häufig betonte Nachweis, daß die Beteiligung der Juden an der russischen Revolution stets überschätzt worden ist und zwar dank der interessierten, zum System gewordenen Geschichtsfälschung durch die russischen Antisemiten zumal innerhalb der Beamtenschaft. Zahlen erweisen unwiderleglich als Märchen, an das die euro. päischen Juden schließlich mitgeglaubt haben, daß die Juden die Mehrzahl der revolutionären Elemente in Rußland ausmachten, wahrend es in Wirklichkeit dreimal weniger Revolutionäre unter ihnen gibt als unter ihren christlichen Klassengenossen. Über den jüdischen Arbeiterbund, der für die Art der Beteiligung von Juden an der revolutionären und sozialistischen Bewegung in Rußland besonders charakteristisek ist, handelt ein Anhang, in welchem eine Übersetzung des betreffenden Artikels aus der russisch-jüdischen Enzyklopädie wiedergegeben ist. Die Einteilung des Buches war durch die Regierungszeiten der vier Zaren Nikolaus I., Alexander II. und III., Nikolaus II., deren Persönlichkeiten und politische Anschauungen psychologisch scharf gezeichnet sind, eine von selbst gegebene. Die Geschichte der russisehen und polnischen Juden wird jedoch unter den einzelnen Herrschern getrenntjedesmal behandelt, da die Judenpolitik hier und dort nicht immer