Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 56 (1912)
- Issue
- Heft 1
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 106 (sequence 3)
- Language
- German
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106 Besprechungen. die gleiche ist, die inneren und äußeren Zustände unter den Juden auch an sich als verschiedenartige erscheinen. Soweit die staatliche Politik in die geistigen und innerreligiösen Verhältnisse der jüdischen Einwohner eingreift, werden auch diese in kurzen Strichen gezeichnet. Ein genauer Kenner der spezifisch religiösen und Bildungsliteratur der russisch-polnischen Juden hätte hier freilich noch manchen charakteristischen Zug einfügen können. Überhaupt lagen hierin die größten Schwierigkeiten der Arbeit, daß der Verfasser mangels eigener Sprach-, Menschen- und Landeskenntnis nicht selber aus direkten Quellen zu schöpfen vermochte, sondern auf die Beihilfe Kundiger angewiesen war, und da uns in Deutschland solche Sachkenntnis zumeist abgeht, so wird die kritische Nachprüfung der Einzelheiten Aufgabe der dortigen Gelehrten sein müssen. Daß es jedoch ein deutscher Geschichtsschreiber war, der den ersten Versuch einer neuesten Geschichte der Juden in Rußland und Polen unternommen, und der den Mut hatte, ein Bild der so verworrenen und schwankenden Zustände in systematischer, wissenschaftlicher Darstellung zu entwerfen, wird immer eine rühmliche Tat für das deutsche Judentum bleiben, das ja auch auf anderen Gebieten seine Teilnahme für die unglücklichen Glaubensbrüder im Osten oft genug bekundet hat. Das Phiüppsonsche Buch zeichnet nicht allein allem Judenhaß ein warnendes Menetekel auf, sondern predigt auch stärker als alle Gelegenheitsaufrufe die unbedingte Notwendigkeit fortgesetzter Anteilnahme an dem Schicksal jener Märtyrer sowohl um ihrer Gegenwart, wie um ihrer Zukunft willen. Philippson hat sicher recht, wenn er mit der Apotheose schließt: »Was können, was werden diese unscheinbaren Menschen nicht alles leisten, wenn sich ihnen einstmals die goldenen Pforten der Freiheit eröffnen, — leisten nicht nur zum eigenen Nutzen, nein, für das Judentum, für Rußland und für den Fortschritt der Menschheit!« Möchte das Philippsonsche Buch die Waffen zum siegreichen Kampfe gegen die Dämonen leihen, die noch immer so vielen Tausenden den Eintritt zu diesen goldenen Pforten verwehren! Das wäre auch vom Standpunkt der jüdischen Wissenschaft aus sein größter Erfolg. Nürnberg. M. Freudenthal.