Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 56 (1912)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Die Ethik R. Saadjas
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 77 (sequence 13)
- Language
- German
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Die Ethik R. Saadjas. 77 handelnden Ich und dem Anderen, dem objektiv Guten. Sein Prinzip hört dadurch allerdings nicht auf ein Nützlichkeitsprinzip zu sein, aber es erstrebt nicht die Eudämonie des Einzelnen, sondern die Eudämonie der Gesamtheit1), die eben von der Sittlichkeit des Einzelnen abhängig ist. Es kann zwar nicht geleugnet werden, daß Saadja im zehnten Abschnitt vorwiegend das Wohl des Ich bei der Aufstellung des Prinzips im Auge hat. Das kommt aber daher, daß er es wie Plato psychologisch bestimmen wollte. Hätte er konsequent aus diesem Prinzip seine Ethik ableiten wollen, dann wäre sie wohl wesentlich verschieden gewesen, sowohl nach Form als auch nach Inhalt, von derjenigen, die er in Wirklichkeit aus dem Ethos seines Volkes abgeleitet hat. Die griechischen Formeln der Ethik passen überhaupt selten zu dem Inhalt, den er ihnen unterschiebt. Das werden wir später noch sehen. Seiner Widerlegung des Hedonismus liegt auch ein ganz anderes Prinzip zu Grunde. Er kannte den talmudischen Satz2): »Was 1J Die Ethik geht hier also in die Politik über, wie bei den griechischen Philosophen. Daher die ähnliche Bezeichnung für beide bei Saadja, s. Jahrg. 55. S. 525. 2) Talmud Babli Sabbat fol. 31a bezeichnet Hillel einem Heiden gegenüber die Quintessenz des Judentums mit den Worten: דעלך פני לחברך לא תעבד זו היא כל התורה כלה ואידך פרושה, זיל גמור »Was dir verhaßt ist, das tue auch deinem Nächsten nicht. Das ist die ganze Lehre, alles Übrige ist Kommentar, gehe hin und lerne.» Dies scheint übrigens die traditionelle Erklärung des Gebotes der Nächstenliebe Levit 19, 18 gewesen zu sein. Denn das Targum Jonatan übersetzt Levit. 19, 18 fast treu mit den von Hillel gebrauchten Worten: ותרחמיה לחברך, דמן אגת פני לך לא תעבד ליה• Die ältere Quelle sowohl für Hillel als für das Targum ist aber das Buch Tobit 4, 15: »Was du hassest, tue Niemandem.» Das Gebot der Nächstenliebe in seiner negativen Fassung erlangte im Judentum auch später Geltung. Denn Aelius Lampridius in vita Alex. Severi cap. 51 bezeichnet den Spruch des Kaisers »quod tibi fieri non vis, alteri ne feceris» ausdrücklich als von Juden oder Christen berrührend, »quod a quibusdam sive Judaeis sive Christianis audierat». Er konnte ihn aber,