Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 56 (1912)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Die Ethik R. Saadjas
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 70 (sequence 6)
- Language
- German
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70 Die Ethik R. Saadjas. heißt es nun: »Man könnte fragen, worin der Nutzen bestehe, daß die Sprache Worte auch in übertragener Bedeutung verwende. Denn eigentlich ist dies ein Uebel (רעה), weil wir dadurch in Zweifel geraten und nicht wissen, welche Vorstellung wir nun mit dem Worte verbinden sollen. Der Nutzen besteht aber darin, daß durch die Begriffserweiterung des einzelnen Wortes die Sprache reicher wird und wir nun vieles ausdrücken können, wofür die Grundbedeutung des Wortes nicht ausgereicht hätte«. Was hier als Nutzen oder Übel bezeichnet wird, ist etwas Universelles, das dem Einzelnen wie der Gesamtheit in gleicher Weise zugute kommt. Vielleicht ist diese Stelle aber deshalb von keiner Bedeutung, weil hier gar nicht von einem ethischen Handeln die Rede ist, obgleich es immerhin bemerkenswert ist, daß er hier von Nutzen (תועלת) und Übel (ירעה spricht. Betrachten wir daher das Nützliche, welches Saadja im dritten Abschnitt in den von den Gesetzen gebotenen Handlungen findet. Es ist geboten, gewisse Tage durch Ruhe und Gebete zu heiligen. Saadja findet dieses Gebot nützlich. Der Nutzen besteht darin, daß der Mensch sich von der Anstrengung erholen und die Muße zur Ausbildung seines Geistes und Gemüts verwenden könne. Dieser Nutzen erstreckt sich aber auch auf die Gesamtheit, weil an solchen Tagen Versammlungen stattfinden und dadurch eine gegenseitige Belehrung und Förderung der Menschen ermöglicht wird. Als nützlich bezeichnet er dann gleich darauf »die Heiligung ausgezeichneter Personen,« wie der Propheten, weil sie der Gesamtheit zum Vorteil gereichen, indem sie vermöge ihres An- Sehens Anderen Liebe zum sittlichen Leben einflößen und sie dadurch zur Vollkommenheit leiten1). Also nicht einmal ihnen selbst, sondern Anderen gereicht die Auserwählung begabter Menschen zum Heile. Wie hier das Nützliche einen durchaus universellen Charakter hat und nicht auf 1) Emunot III, S. 60.