Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 56 (1912)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Die Ethik R. Saadjas
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 68 (sequence 4)
- Language
- German
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68 Die Ethik R. Saadjas. den Menschen zu tun, wie sie ihm andererseits verbietet, was sie für schimpflich hält1). »Daß die Vernunft oft Dinge, die gerade Objekte des natürlichen Begehrens sind, und denen der Mensch nur unter Leid und Schmerzen entsagt, als schimpflich verwirft«2), ist ein Beweis mehr dafür, daß sie das Gute nicht bloß auf dem Wege der Überlegung und Berechnung findet, sondern, daß sie, unbekümmert um das menschliche Wohl ja oft zu seinem Schaden, dem Sittliehen einen eigenen Wert und eine eigene Würde zuerkennt. Wir glauben im Obigen bei Saadja eine dreifach verschiedene Wertschätzung des Guten nachgewiesen zu haben. Es fragt sich: welches ist nun das einheitliche Prinzip seiner Ethik? Denn das philosophische Denken, welches Saadja ja für seine Untersuchungen in Anspruch nimmt, duldet keine unklare Mischung entgegengesetzter Motive, es dringt auf ein letztes allgemeines Prinzip, aus dem es einheitlich alle ethischen Forderungen abzuleiten sucht. Saadja kennt einen relativen und einen absoluten Wert des Guten und unterscheidet im letzteren wieder eine ästhetische und eine rein ethische Wertschätzung. Jede dieser verschiedenen Arten des Guten führt zu einer verschiedenen Form der Ethik. Hat Saadja nun ein einheitliches Prinzip gefunden, aus dem sich seine ganze Ethik ableiten läßt? Schon seine ästhetische Schätzung, die bei ihm zu einer vorwiegend individualistischen Ethik führt, zeigte, daß der harmonische Gesamtzustand, in dem das Gute gewissermaßen wie in einer schönen Form enthalten ist, doch auch zugleich ein das Wohl des Individuums Förderndes ist. Durch eine ver- 1) Emunot 111, S.58,59: כי השכל מחייב להקביל .. . והשכל מחייב שימנע. ..שלא יתיר... a) Das. ix. s. 130 «11ten: ומזה שהוא גנה לשכל האדם דברים שטבעו מתאוה להם... וכאשר ישמר מזה ימצאנו עצב וצער ודאגה ויצטער ויכאב לבו Daß der Mensch dort, wo die Sittlichkeit es erheischt, diese schmerzhafte Selbstüberwindung auch wirklich übt, geschieht allerdings in der Erwartung, daß eine Vergeltung des Gaten und Bösen statthaben werde.