Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 56 (1912)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Ludwig Philippson
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 14 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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14 Ludwig Philippson. war außer in Hamburg und gelegentlich zur Zeit der Messe in Leipzig noch nirgends eingeführt. So dachte er daran in Frankreich sich eine Zukunft zu gründen, als ein unbedeutendes Ereignis unerwartet die folgenreiche Entscheidung brachte. In Magdeburg, wohin seine Familie verzogen war, erhielt er die Einladung, in der kleinen Stadt Osterburg in der Altmark eine Trauung vorzunehmen. Nach langem Zögern, das er mit seiner Jugend und Unerfahrenheit begründete, gab er dem Drängen Phöbus’ und der Mutter nach. Die Trauungsrede, in deutscher Sprache gehalten und deshalb damals noch etwas Neues, machte auf die zahlreichen, nicht bloß jüdischen Zuhörer großen Eindruck. Der Neuvermählte, ein wohlhabender Kaufmann, ließ siedrucken und schickte einige Exemplare dem Magdeburger Geschäftsfreunde, der auf Philippson aufmerksam gemacht hatte. Er legte sie dem Vorstande vor mit dem Ansuchen einiger Gemeindemitglieder, einen so trefflichen Redner am Rosch ha- Schanah in der Synagoge predigen zu lassen. Diese Predigt fand solchen Beifall, daß er auch an Jom Kippur und Sukkoth predigen mußte und sofort nach den Festtagen die Verhandlungen begannen, ihn dauernd zu gewinnen. Einstimmig wurde der noch nicht Zweiundzwanzigjährige anfangs November zum Prediger der heranblühenden Gemeinde und Leiter der zu errichtenden Religionsschule gewählt, und trat, nachdem er, »der Ausländer«, das preußische Bürgerrecht und die Bestätigung der Regierung erhalten hatte, sein Amt an. Die rabbinisehen Funktionen versah nach wie vor der Rabbinatsverweser M. Salomon, ein tüchtiger Talmudist, zwar strenggläubig, aber friedliebend und keineswegs wissensfeindlich. Der Würfel war gef all en. Aber noch in anderer Beziehung war diese erste Predigt in Osterburg entscheidend für Philippson. Die Schwester der Braut, die er getraut hatte, Julie Wolffstein, wurde 1835 seine Gattin.