Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 56 (1912)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Ludwig Philippson
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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6 Ludwig Philippson. durch beide bedingten religiösen Reform das wahrhaft Zeitgemäße zur Herrschaft zu erheben, die fortgeschrittenen Ideen durch Institutionen zu erhalten. Und gerade die Forschungen jüdischer Gelehrter, der Zunz, Rapoport, Frankel, Luzatto, konnten nicht verfehlen, die althergebrachte Auffassungsweise des Judentums zu erschüttern. Satzungen und Gebräuche wurden nach ihren Quellen und ihrer Bedeutung untersucht und einer kritisehen Behandlung unterzogen. Unter solchen Einwirkungen und Strömungen aber entstand ein neues Rabbinertum. Die Rabbiner waren bisher nichts weniger als wissenschaftlich gebildete Männer gewesen; sie besaßen außer ihrem hebräisch - talmudischen Wissen keinerlei andere Kenntnisse. Abgeschlossen von der äußeren, lebendigen Welt, bewegten sie sich im engsten Gedankenkreise. Anders nun zahlreiche Rabbiner der zwanziger und dreißiger Jahre. Sie hatten einen mehr oder minder regelrechten Studiengang hinter sich, oft den Doktortitel erworben. Freilich die wenigsten hatten eine klare, richtige Vorstellung vom Wesen und der Bedeutung ihres künftigen Berufes, aber gerade die geistig hervorragendsten dieser meist sehr jungen Männer erkannten den Zwiespalt zwischen den bestehenden Einrichtungen des Judentums und den Forderungen der veränderten Zeiten und wurden oder sahen sich gedrängt, selbst den Weg der Reformen zu beschreiten. Allein es war das richtige Maß zu finden, wenn man einerseits das wirklich Überflüssige, Unschöne beseitigen, andererseits die Gefühle schonen wollte, die sich an eine so viele Jahrhunderte alte Übung knüpften. Es war nach den Worten Geigers eine schwere Zeit für das Judentum. Die Einen waren verknöchert in dem ererbten Glauben, die Anderen von jedem Glaubensbande losgerissen und in der Mitte solche, die vom Alten losgelöst, eine Neugestaltung vermissend, nicht wußten, wohin, und der Lösung harrten. Gefragt mußte vor allem werden nach dem wahren Kern