Mannheim
Compact Memory

Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1912-01-01 · Heft 1 · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
56 (1912)
Issue
Heft 1
Article
Ludwig Philippson
Date
1912-01-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2829132-2829843-2829845-2847072--39254-2847099
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Ludwig Phiüppson. 3 in den Staatsverband, von dem sie bisher ausgeschlossen waren. Härter als um diese äußere, entbrannte der Kampf um die innere Emanzipation, um die Befreiung vom joche gedankenloser Werkheiiigkeit, um die Niederreißung jenes Zaunes um den Kern der Lehre, der in den finstern Zeiten des Druckes zwar dem Eindringen des Feindes als starker Wall gewehrt hatte, nun aber eben so fest auch jeden Ausgang ins Freie unmöglich machen wollte. Wie so oft, war »Vernunft Unsinn, Wohltat Plage« geworden. Die deutschen Juden, bei denen sich der Hauptsache nach diese Kämpfe abspielen, waren in der weitaus größten Masse verarmt, die Gemeinden verschuldet, das Unterrichts* wesen im Argen. Wahre Gelehrte gab es nicht, die polnischen Talmudisten, die gewöhnlichen Lehrer der heranwachsenden Geschlechter, konnten keineswegs als solche gelten, sie standen, wie noch jetzt im Osten, ganz außerhalb der Zeit, der Gegenwart und ihrer wahren Bedürfnisse. Die Schulen waren dürftig besucht, die weibliehe Jugend wuchs fast ganz ohne Unterricht auf. Mitten unter dem deutschen Volke lebend, sprachen die Juden ihren, andern unverständlichen Jargon und lernten die deutsche Sprache höchstens als unentbehrliches Mittel für den Verkehr. Wirkliche Bildung gab es außer bei einigen Reichen nicht, und auch bei diesen war sie nur äußerlich. Die Judenschaft bildete eine starre, stumpfe Masse, die Befriedigung fand, wenn die notwendigsten Lebensbedürfnisse gestillt werden konnten, und in der Übung der unzähligen, oft gedankenlos geübten Religionsgebräuche, für die häufig nur ihr Alter sprach. Zwischen diesem erstarrten Alten und seinen Anhängern und den neuen Forderungen mußte demnach ein Kampf ausbrechen. Besäße das Judentum außer dem einen Glaubensartikel der vollkommenen Einigkeit und Einheit Gottes noch andere, so hätte in dieser gefährlichen Zeit eine Spaltung

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.