Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 56 (1912)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Ludwig Philippson
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2829132-2829843-2829845-2847072--39253-2847098- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
2 Ludwig Philippsou. Nahrung, die freilich auch in der Christenheit nicht eben reichlich vorhanden war, ausgeschlossen worden, denn die kurze Blüte auf der pyrenäischen Halbinsel kommt auf Rechnung des damals noch lebenskräftigeren Islam. Aber kaum drang im Gefolge der Aufklärung des 18. Jahrhunderts ein vorerst allerdings nur schwacher Lichtstrahl auch in das tiefe Dunkel der Ghetti, als sich zeigte, daß aller Haß, alle Verachtung und alle Verfolgung mit ihrem furchtbaren Drucke zwar nicht ganz ohne Folgen, aber doch nicht imstande gewesen waren, die körperliche und noch weniger die geistige Kraft unseres unsterblichen Volkes zu brechen,, und es ist wunderbar und in der Geschichte einzig dastehend, wie ein in den engsten Schranken des Talmudismus, und Rabbinismus erwachsener Judenknabe, wie Moses Mendelssohn in nicht ganz zwei Jahrzehnten der Freund des klarsten Geistes des deutschen Volkes und selbst einer der ersten und allgemein anerkannten Schriftsteller desselben Volkes werden konnte; es ist wunderbar, wie rasch und reich die Saat aufging, die dieser Mann ausgestreut hat. Wie durch den ersten Moscheh binnen vierzig Jahren aus einer stumpfen Masse ägyptischer Fronsklaven ein kriegerisches Volk, so wurde durch diesen zweiten Befreier dreitausend Jahre später in einem ebenso kurzen Zeitraum aus zusammenhanglosen Trümmern ihrer menschlichen Würde beraubter, armseliger Verfolgter trotz der Zerstreuung in alle Welt wieder ein selbstbewußtes Volk, das in unglaublich kurzer Zeit alle jene Gipfel der Wissenschaft und Bildung erklomm, die im Verlaufe der Entwicklung die westeuropäischen Völker erstiegen hatten. Freilich Moses Mendelssohn hatte nur die ersten Furchen aufgerissen, den Boden urbar gemacht, den ersten Samen ausgeworfen, andere Männer mußten das Feld weiter bearbeiten; dazu aber bedurfte es einer mühevollen,, nicht immer anerkannten Tätigkeit unter den Juden selbst, ganz abgesehen von dem Kampfe um die volle Aufnahme: