Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 55 (1911)
- Issue
- Heft 1
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 110 (sequence 11)
- Language
- German
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110 Besprechungen. Die Überwindung der Ideenlehre soll der Weg zur dialektischen Philosophie sein. Zuvor aber muß sie sich von der Merkaba trennen. Das ist zunächst historisch falsch, denn noch im More Nebachim wird eine von aller Polemik freie Erklärung der Ezechiel^ sehen Vision versucht. Außerdem ist die Emanationslehre nicht not״ wendig mystisch. Auch Hegel läßt ja die Natur durch die Selbstentfaltung des absoluten Geistes im dialektischen Prozeß entstehen, ohne darum Mystiker zu werden. Wenn aber Neumark die Behauptung aufstellt, daß Merkaba und Ideenlehre das Streben haben, ihre ursprüngliche Einheit wiederherzustellen, so ist das selbst nur die modernste Variation eines uralten Mythos. Die ganze, 275 Seiten umfassende Einleitung nimmt dem Buch den Charakter einer ernsten wissenschaftlichen Arbeit. Sie war umso überflüssiger, als bei der Darstellung der mittelalterlichen Philosophie die angeblichen biblischen und talmudischen Quellen vollkommen ignoriert wurden. Anstatt zu zeigen, wie im einzelnen die Ideenlehre überwunden wird, bietet N. einen breiten Excurs über Aristoteles. Die neuen Resultate, die hier gewonnen werden, sind nicht sehr glaubhaft Widersprüche im aristotelischen System sind speziell bei der Behandlung des Substanzproblems zweifellos vorhanden. Trotzdem ist Aristoteles ein viel zu scharfer und klarer Kopf, um zwei einander direkt ausschließende Theorieen über Materie und Form gleichzeitig zü vertreten. Der Standpunkt der Physik wird von ihm selbst als durch die Interessen des Physikers bedingt bezeichnet und unterscheidet sich nicht grundsätzlich von dem der Metaphysik. Nur der Gesichtspunkt wechselt in der Untersuchung. Bald handelt es sich um Substrat und Qualität, Subjekt und Prädikat, bald um die Differenz des Unentwickelten und Entwickelten, von Möglichkeit und Wirklichkeit. Immer aber sind Stoff und Form zwei selbständige Prinzipien, die Formen logisch abstrahierbar, sodaß ein völlig unbestimmter Urstoff, oder reine Potentialität übrig bleibt. In Wirklichkeit aber ist der Urstoff ebensowenig ohne jede Qualität, wie die Aktualisierung der Formen jemals begonnen hat. Das Streben der Natur, alle Formen bis zur höchsten zu durchlaufen, die qualitätive Umwandlung der Stoffe lehrt Aristoteles immer in derselben Weise, durchbricht also niemals sein dynamisches Prinzip. Alle Unterschiede, die N. hier so entschieden und bestimmt behauptet, sind in Wirklichkeit nicht vorhanden. Damit fällt auch sein ganzer Aufbau der jüdischen Religions- Philosophie. Er unterscheidet eine Saadja-Gruppe, die den Standpunkt der Physik, die Annahme einer mit einer Ürqualität verbundenen Materie, und eiue Gabirol-Gruppe, die den Standpunkt der Meta-