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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1911-01-01 · Heft 1 · p. Seite 109

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
55 (1911)
Issue
Heft 1
Article
[Rezension]
Date
1911-01-01
Page
Seite 109 (sequence 10)
Language
German
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Besprechungen. 109 Ideen Platos, zu identifizieren. Eine so unhistorische Gleichsetzung ist bei einem modernen Historiker der jüdischen Philosophie unbegreif lieh. Dem Verfasser der Spruchbuchs bedeutet Thora die Summe der Gesetze des Judentums, und wenn er sie für ewig und praeexistent -erklärt und bei der Schöpfung mitwirken läßt, will er dem Gedanken Ausdruck geben, daß die Erfüllung der religiösen Gesetze Sinn und Zweck des Weltalls ist, ein Gedanke, der auch im Midrasch wiederkehrt. Sobald mangln der Thora göttliche Weisheit sah, war ihre Praeexistenz von selbst gegeben, sonst wäre Gott ja vor der sinaitischen Offenbarung ohne Weisheit. Mit platonischer Ideenlehre aber hat dies nichts zu tun, es sei denn, daß man das System Platos seines klaren Sinnes beraubt. Daß platonische Gedanken in späten Midraschim mehr oder weniger deutlich anklingen, soll nicht geleugnet werden, aber um so vorsichtiger muß die Interpretation der älteren Literatur sein. Auch das mischnische »Dogma von der Praeexistenz der Thora« braucht nicht im Sinne der Ideenlehre aufgefaßt zu werden. Ein Einfluß des alexandrinischen Philosophen in der Mischna ist nicht nachweisbar, es ist also kein Anhaltspunkt dafür vorhanden, daß unter Thora »Logos« verstanden wird. Ebenso ist die Gleicbsetzung von Bereschitb und Pardes mit der Ideenlehre Platos unbewiesen und unwahrscheinlich. Trotz der überlegenen Kritik, die hier an Graetz geübt wird, behält seine Ansicht die größere Wahrscheinlichkeit. Nur wenn R. Akiba und die 3 anderen Tannaim, die der Talmud nennt, sich in Probleme der Gnosis vertieft haben, wird Achers Ab-!fall vom Judentum verständlich. Die gnostische Philosophie hat eine entschieden antijüdische Tendenz, sucht zu beweisen, daß der Schöpfergott, der sich am Sinai offenbart hat, tiefer steht, als der christliche Gott der Liebe, die platonische Ideenlehre aber läßt sich mit der Religion der Bibel, wie Philos Beispiel zeigt, relativ leicht verbinden. Was N. mit allen seinen willkürlichen Behauptungen und -Konstruktionen erreicht, ist schwer einzusehen. Die jüdische Philosophie des Mittelalters soll aus der natürlichen Entwickelung des jüdischen Geistes erklärt werden. Dieses Resultat aber wird dadurch gewonnen, daß fremde, heidnische Anschauungen bereits in der Thora nachgewiesen werden. Erst durch ihre Überwindung und nicht durch -eine höhere Entwickelung der jüdischen Gedanken soll dann die jüdische Religion ihren Höhepunkt erreichen. Das ist, von aller historischen Unrichtigkeit abgesehen, ein innerer und unlösbarer Widerspruch.

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