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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1911-01-01 · Heft 1 · p. Seite 107

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
55 (1911)
Issue
Heft 1
Article
[Rezension]
Date
1911-01-01
Page
Seite 107 (sequence 8)
Language
German
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Besprechungen. 107 Systeme macht. Ebenso, wie fiir die arabische Philosophie und die christliche Scholastik, war die Disziplinierung durch die Halaciia auch für die Entstehung der jüdischen Religionsphilosophie nicht die Voraussetzung. Die Denkweise des Talmud ist durchaus dogmatisch gebunden. Die Existenz Gottes, die Göttlichkeit der Bibel, die Wunderberichte der hlg. Schrift werden den Tannaim und Amoräern niemals problematisch. Daher ist es von vornherein ausgeschlossen, daß die Anfänge der jüdischen Philosophie im Talmud gefunden werden. Auch seine agadischen Teile bilden in dieser Hinsicht keine Ausnahme. Wenn man unter Philosophie autonomes, systematisches Denken versteht, und etwas anderes bedeutet sie ja nicht, verdienen auch die philo« sophisch klingenden Sätze einzelner Tannaim und Amoräer nicht die Bezeichnung »philosophisch«. Das wird auch durch den Hinweis Bereschith und Merkaba nicht widerlegt. Welche Spekulationen man ursprünglich darunter verstanden hat, läßt sich mit Sicherheit nicht ermitteln. Wenn man aus den wenigen Daten aus späterer Zeit Rückschlüsse ziehen darf, begnügten sich die Tannaim nicht mit den klaren Angaben der Genesis, sondern suchten in das Geheimnis des göttlichen Schaffens tiefer einzudringen und aus den Andeutungen der heiligen Schrift die einzelnen Phasen der Weltentstehung genauer zu erkennen. Es handelt sich hier also nicht um selbständige philosophische Untersuchung, sondern um agadische Bibelexegese. Der Versuch, die Entstehung der Welt aus dem Nichts zu beweisen und begreiflich zu machen, also die Schöpfungslehre des Judentums wissenschaftlich zu begründen, wird nicht unternommen, eine Widerlegung der entgegenstehenden naturphiiosophischen Theorieen nirgends versucht. Religiöse, kosmogonische Mythen aber sind nicht Philosophie. Sie ist immer erst da vorhanden, wo eine natürliche Erklärung der Erscheinungen ver^ sucht wird. Durch Bereschith und Merkaba aber wird die biblische Schöpfungslehre nicht klarer und natürlicher, sondern verworren und phantastisch. Das Geheimnis des göttlichen Schaffens übt auf das Gefühl der Tannaim einen so mächtigen Eindruck aus, daß ihre;Phantasie die Schöpfertätigkeit Gottes genauer zu beschreiben unternimmt, das Interesse ist also nicht philosophischer, sondern religiöser Art. Darum ist es vollkommen verfehlt, in diesen Mythen nach den ersten Spuren der späteren philosophischen Probleme zu suchen. Wenn die Engel einer Agada zufolge aus dem Schweiß der Chajoth entstehen, wird damit noch lange nicht die natürliche Emanation der Materie aus Gott gelehrt (S. 81). Ebensowenig beweist die Vorstellung von dem Schnee unter dem Thronwagen das Vorhandensein des :Substanzproblems (S. 75). Dies alles ist religiöse Poesie, die sich an

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