Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 55 (1911)
- Issue
- Heft 1
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 106 (sequence 7)
- Language
- German
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106 Besprechungen, Gedankens erklimmen«. »Maimuni, der größte Philosoph der klassisehen Periode und des Judentums überhaupt ist zugleich der größte Halachist aller Zeiten«. S. 135. Daß eine so enge Beziehung zwischen juristischem und philosophischem Denken, wie sie hier behauptet wird, in Wirklichkeit nicht besteht, wird zunächst durch die Tatsache bewiesen, daß bei den Römern, die das klassische System des Rechts geschaffen haben, kein namhafter Philosoph und bei dem genialen Philosophenvolk der Antike, den Hellenen, kein bedeutender Jurist zu finden ist. Das ist sehr leicht zu erklären. Die formale logische Schulung des Denkens und der Blick für die praktischen Konsequenzen gesetzlicher Bestimmungen sind von dem philosophischen Erkenntnistrieb und der Fähigkeit, theoretische Probleme zu finden und aufzulösen, unabhängig. Wenn also wirklich der Geist des jüdischen Volkes der Geist der Halacha wäre, was keineswegs zutrifft, wäre es für die Lösung philosophischer Aufgaben noch sehr wenig disponiert. Aber auch die jüdische Geschichte widerlegt die Behauptung von dei Identität juristischer und philosophischer Begabung. An Genialität des juristiseh.-logischen Denkens wird Raschi auch von Maimonides nicht übertroffen, seine religiösen Anschauungen aber sind von einer rührenden Kindlichkeit und Naivität, und sein Bibelkommentar giebt nicht philosophische Exegese, sondern mythische Agada. Dies eine Faktum schon hätte N, zeigen können, daß juristische Logik nicht zu philosophischem Denken zu führen braucht. Sie bilden sogar vielfach Gegensätze. Nur so wird es verständlich, daß die Talmudisten den More Nebuchim leidenschaftlich bekämpfen, daß Ascheri seine Autorität auf halachischem Gebiet gegen das Studium der Philosophie geltend macht, Nachmanides die Mystik neu begründet, in Polen, dem klassischen Lande des einseitigen Talmudstudiums, die chassidische Mystik entstanden ist. Sie ist offenbar eine Reaktion gegen die einseitige Verstandesbildung durch den Talmudismus, der die Ansprüche des Gemüts unbefriedigt läßt, weil er die Religion iatellektualisiert, anstelle des religiösen Gefühls logische Ableitung und Begründung setzt. Diese Intellektualisierung verwechselt N. mit Rationalisierung, dem Streben nach philosophischer Erkenntnis und übersieht, daß der Talmud, wie alle Juristerei, eine vorwiegend praktische Tendenz des Denkens zeigt, nicht einmal seine eigenen Grundlagen wissenschaftlich untersucht, sondern sich mit einer theologisch-dogmatischen Begründung seiner Prinzipien begnügt. Die talmudische Dialektik hat sich sehr wohl mit phantastischer Mythologie vertragen, wie die Beispiele R Akibas und des Babyloniers Rab beweisen, die N. trotz ihrer Bedeutung für die Entwickelung des Talmud zu Begründern mystischer