Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 55 (1911)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Die Christusmythe des Prof. A. Drews im Lichte der Wissenschaft
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 20 (sequence 20)
- Language
- German
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:20 Die Christusmythe des Prof. A. Drews im Lichte d. Wissenschaft. sehen hat, weiß, daß für Methode von jedem Mitarbeiter meist gerade nur dasjenige angesehen zu werden pflegt, was er selbst als eine solche ausübt, und daß auch der vielberufene Begriff der Wissenschaftlichkeit sich sehr nach rein zufälligen und persönlichen Gesichtspunkten richtet«. Also zufällige und persönliche Grundsätze sollen für wissenschaftliches Arbeiten maßgebend sein? Es ist und bleibt in der Tat des Herrn Drews eigenartigstes Verdienst, diesen Grundsatz getreulich in seinem Werke durchgeführt zu haben. Selbstverständlich kann man von diesem Grundsatze aus sogar beweisen, daß selbst die Lebensgeschichte des niederländischen Freiheitshelden Egmont »durch eine Übertragung aus dem Mythenkreise des leidenden Messias zustandegekommen« sei. Es sei mir gestattet, dies von mir willkürlich erfundene Beispiel ein klein wenig näher auszuführen, da es sehr gut dazu geeignet ist, die Kombinationen einer Trugwissenschaft, wie sie Prof. Drews in seiner »Christusmythe« zur Anwendung gebracht hat, grell zu beleuchten. Ebenso wie die Niederländer im 16. Jhdt., wurden auch die Juden zuriMakkabäerzeit von einer Fremdherrschaft grausam unterdrückt. Die damaligen niederländischen Schriftsteller scheinen in Anlehnung an den Makkabäerhelden Jonathan ihren Naticnalhelden Egmont gestaltet zu haben. Der Makkabäer Jonathan war ein populärer Held, — ebenso Egmont. Jonathan schenkte in seiner Treuherzigkeit selbst dem Feinde Glauben, ־— ebenso Egmont. Jonathan wird unter falschen Vorspiegelungen in die Burg des feindlichen Statthalters gelockt, — ebenso Egmont. Jonathan muß seine Treuherzigkeit mit dem Leben büßen, — ebenso Egmont. Jonathan ist aber nur eine mythische Erscheinung. Schon sein Name deutet darauf hin, daß er im Grunde identisch ist mit Jonathan, dem heldenhaften Sohn Sauls, dem vordavidischen Messias. Auch jener war ein volksbeliebter Held, der durch seine bewundernswerte Tapferkeit das Volk von den mächtigen Philistern befreit hat, aber schließlich für die Sünden seines Geschlechts den Tod erleiden mußte. Jonathan ist das Vorbild des leidenden Messias und eine mythische Gestalt, die auch in dem Freiheitskampfe der Juden gegen die Römer (etwa um 70 n. Chr.) plötzlich auftritt. So berichtet Josephus: Bellum Judaicum VI, 2, 10: »In jenen Tagen trat aus der Mitte der Juden ein Mann namens Jonathan, klein und unan-