Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 54 (1910)
- Issue
- Heft 1
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 117 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2829132-2829827-2829829-2846755--37701-2846899- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 1× ep/1000834
OCR text
Besprechungen. 117 Im Mittelalter haben die Mauren in Spanien, also Semiten, in Mathematik, Geographie, Medizin, Astronomie und anderen Wissenchaften die Lehrmeister des christlichen Europa abgegeben. Die Juden selbst aber haben auf dem Gehiete des Handels seit je die gesamte europäische Kultur entscheidend beeinflußt, was kein Zufall ist, da eine kleine Oruppe, wie sie die Juden waren und sind, auf keinem anderen Gebiete materieller Kultur so ins Weite wirken kann, wie im Handel. Verfasser entwickelt, beziehentlich der wirtschaftlichen Be- Deutung eine geistvolle Theorie, die sicherlich Widerspruch finden wird. Er behauptet, daß die Juden in allen Ländern Lücken in der ökonomischen Organisation ausfüllen. Für Karl den Großen vermittelten sie den internationalen Güteraustausch; als im Mittelalter später rein agrarische Zustände sich in Geldwirtschaft umwandelten, übernahmen sie das Geldgeschäft, um später — als man sie nicht mehr brauchte! — durch die Fugger und Welser ersetzt zu werden. Im slavischen Osten ersetzen sie noch heute den Handwerker und Fabrikarbeiter. In Odessa sind sie Lastträger, in Amsterdam Diamantenschleifer, in Bukarest Maurer-Aber es ist ihr Schicksal, aus diesen Berufen herausgedrängt zu werden, sobald die einheimische andersgläubige Bevölkerung diesen Berufen sich zuwendet, diese Lücken ausfüllt. Die ganze Neuzeit hindurch begann jede neue, jede höhere Wirtschaftsstufe mit Juden. Später werden sie allmählich »depossediert« durch die »Nationalen«. Zum Schlüsse das wichtigste, die Bedeutung der Juden für die geistige Kultur. Gegenüber der kühnen Behauptung, daß es Idealitat, Genialität und Charaktere von weltgeschichtlicher Bedeutung unter den Juden nie gegeben habe, wird darauf verwiesen, daß der weitsichtigste Staatsmann der Weltgeschichte, Moses, der Gesetzgeber der Juden war. Verfasser unterscheidet scharf von der Judaistik, d. h. der den Juden spezifischen Religionsliteratur, den Judaismus, d. h. den freien jüdischen Geist, jene umfassende, altruistische Ideenrichtang, die heute in der ganzen Kulturwelt wirksam ist, aber im Judentume ihre Geburtsstätte hat. Dort entstand die These von der Autonomie des Geistes und der Kulturaufgabe der Nation, dort der Wille, das Instinktmaterial der Nachkommen im Sinne der höchsten Kulturziele zu modifizieren. Als Anhang gibt Verfasser einen Ausblick auf den gegenwärtigen Knlturwert der Juden und kommt zu dem trostlosen Resultat, daß dieser Kulturwert nur ein potentieller, kein reeller sei. Die durch fortschreitende Kultur der Andersgläubigen bedingte »Depossedierung« und Verdrängung der Juden habe sie aus West- Europa vertrieben und im Osten zusammengedrängt. Jetzt, wo sie