Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 54 (1910)
- Issue
- Heft 1
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 109 (sequence 7)
- Language
- German
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Besprechungen. 109 zu einem anschaulichen Bild der wichtigsten Vorgänge und Zustände m jedem einzelnen Land und Ländchen zusammen. Scharf heben sich von diesem Hintergründe die Zeichnungen der treibenden Persönlichkeilen ab, besonders Gabriel Rießers und des Romantikers Friedr Wilhelm IV.; die Erfolge und die noch größeren Scheinerfolge des Jahres 1848 finden berechtigte Be- und Verurteilung, letztere in der gewohnten rücksichtslosen Darlegung (z. B. S. 311, 324). Die Widerlegung des Vorwurfs, daß die Berliner Revolution von Juden,usw. gemacht worden sei, erscheint mir überflüssig und in dieser statisti- §chen Form (S. 294) auch unmöglich; 21 von 8000 Juden ist keine hohe Ziffer, wohl aber 21 von 230 Kämpfern. Daß die politische Hochspannung, der damals alle Gemüter unterstanden, ein Zurücktreten der religiösen Interessen im Gefolge hatte, war natürlich. Aber es geht wieder zu weit, wenn Philippson (S. 314) ein völliges Ersterben und Entfremden konstatiert oder (S. 315) von dem verderblichen Vorbild Berlins spricht, das lähmend auf das ganze jüdische Leben in Preußen und Deutschland gewirkt habe. Das letztere trifft schon darum nicht zu, weil Berlin niemals ein religiöses Zentrum war und auf den Süden Deutschlands erst recht keinen Einfluß geübt hat, wo denn auch der religiöse Stillstand durchaus nicht so kraß in die Erscheinung trat. Ebenso übertrieben ist die S. 340 gegebene Dar- Stellung des religiösen Chaos. Die neuen Gottesdienstriten waren im Grunde genommen alle über einen Leisten geschlagen; die lokalen Minhagim des mittelalterlichen Gebetritus waren differenzierter als diese. Was S. 342 über das Breslauer Seminar gesagt ist, kann leicht mißverstanden werden. Es lag im ganzen wissenschaftlichen Duktus seines ersten Leiters Frankel, daß die Ergebnisse der Forschung vielfach Halt machten vor der Praxis. Man kann eine solche Haltung als inkonsequent verwerfen, man kann sogar Philippson zugeben, daß sie bei manch em eine Heuchelei begründet hat; allein der Umstand, daß aus dem Seminar — und zwar gerade in Frankeis Zeit — eine ganze Reihe entschieden liberaler Männer hervorgegangen ist, beweist wohl am besten, daß von irgend einem orthodoxen Zwang von seiten der Anstalt auf ihre Zöglinge so wenig die Rede sein kann, wie davon, daß jene von Frankel vertretene wissenschaftliche Anschauung an sich schon zur Heuchelei und Unausgeglichenheit führen m üßt e. Jener Umstand hätte ebenso gut hervorgehoben werden müssen, wie Philippson bei der Charakterisierung der Berliner Hochschule betont (S. 364), daß sie trotz ihres freien Aufbaus auch immer aufrichtig orthodoxe Dozenten besessen habe, wenn nicht überhaupt daselbst der Vergleich mit den Rabbiner-Seminaren hätte ausfallen sollen, da Philippson ja selbst zugibt, daß die Hochschule ganz andere Absichten