Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 54 (1910)
- Issue
- Heft 1
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 108 (sequence 6)
- Language
- German
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108 Besprechungen. Geschichte zu wirken. Wenn Philippson von Jost (S. 171) tadelnd her״ vorhebt, sein Rationalismus mache ihm den Charakter und die An״ schauungen vergangener Zeiten unverständlich, und er gebe mehr eine Stoffsammlung als ein wirklich geschichtswissenschaftlich es Ganze oder gar ein literarisch-künstlerisches Bild, so muß und wird gerne zugestanden werden, daß Philippsons Werk selber über alte diese Mängel weit erhaben ist. Was in diesem Abschnitt aber auffälft, ist das Bestreben des Sohnes, den Vater möglichst stark in den Brennpunkt der Entwicklung zu schieben. Sicher ist Ludwig Philippson in den bisherigen Darstellungen meist zu kurz gekommen und sind seine Verdienste, die ja vor allem auf dem Boden praktischer Erfassung und Ausgestaltung der Verhältnisse sich bewegten, neben denen der Geisteshelden seiner Zeit nicht immer genügend gewürdigt worden. Philippson schwebte offenbar das gegensätzliche Bild Geigers und seines Vaters vor, wenn er (S. 216) zusammenfassend sagt: »Nicht kühle Gelehrsamkeit und logische Folgerichtigkeit — Gaben, die die Führer des Radikalismus in hervorragendem Maße besaßen — bringeii in der religiösen Entwicklung den Ausschlag, sondern warmes religiöses Gefühl und klare, praktische Esosicht in das Mögliche und Erreichbare, sowie der instinktive Zusammenhang mit der Volksseele«. Allein, um nicht ungerecht zu sein, es bedarf Männer beider Wesensarten, um überhaupt eine Fortent- Wicklung möglich zu machen, und es ist besser, beide vereint zum Siegespreis zuzulassen, als einen gegen den andern abzuwägen oder gar, um Zurücksetzungen wett zu machen, einen über den andern zu stellen und so das geschichtliche Bild unwillkürlich wieder nach der entgegengesetzten Seite zu verschieben. Die kleinen Seitenhiebe (S. 316 u. 352) über angebliche Undankbarkeit der Genossen gegen Ludwig Philippson stören zudem den großzügigen Gang der Dar- Stellung. Bezüglich der ersten jüdischen Gymnasialbesucher (S. 153) h abe ich in der Geschichte der Familie Gomperz auf Aron Emmerich als den ersten jüdischen Gymnasiasten verwiesen. Das letzte Buch des ersten Bandes verbreitet sich über die Jahre der Emanzipation in West- und Mitteleuropa, schildert zuerst die Vorkämpfe in den einzelnen Ländern, alsdann das Jahr 1848 und zuletzt die Durchführung der Emanzipation. Mit größter Gewissenhaftigkeit, ohne doch zu ermüden und zu belasten, führt der Verfasser lebendig und frisch und stets vom vornehmen Standpunkt höherer Reflexion aus den Leser durch das vielverschlungene Hin und Her des langsamen oder schnellen Vorwärts der politischen Emanzipation der Juden und stellt bald hier die Anläufe zur Verwirklichung, bald dort die Retardierungen in knapper und doch musterhafter Zeichnung