Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 54 (1910)
- Issue
- Heft 1
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 107 (sequence 5)
- Language
- German
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Besprechungen. 107 volkstümlichen Zwecks mit aller Berechtigung untersteht: zu zeigen, »daß nur die Freiheit die einzig wirksame Erzieherin im politischen und sozialen Leben, daß der Grundsatz »leben und leben lassen« fruchtbarer als kleinlicher Brotneid und als alles engherzige Spießbiirgertum sei«, und ferner: »daß die Bedrücker nicht besser, oft schlechter waren als die Bedrückten und selber all die Unmoral handhabten, die sie ihnen vorwarfen«. Auch hier deckt Philippson rücksichtslos auf. S. 112 eine Fülle solcher Ausdrücke bis zum »königlichen Wortbruch« hinauf; S. 132 ein anderer »förmlicher Betrug seitens des edlen Herrschers«. S. 137 — bei der Schilderung der traurigen Zustände derer, »die ein schlimmes Geschick in Polen und Rußland vegetieren ließ« ־־־־־ die Kennzeichnung Nikolaus I., »dem die traurige Ehre zukommt, ein System erfunden zu haben, das an teuflischer, raf־ linierter Grausamkeit die rohen momentanen Judenschlächtereien des Mittelalters übertrifft«. Selbst der humorvolle Sarkasmus des Verfassers, der so oft nach all’ den trübseligen Bildern befreiend und erlösend wirkt, verliert manchmal die Zügel. II, 271: »Die deutschen Studenten, die in Prag allsonntäglich sich von den Tschechen anrempeln, prügeln und anspucken ließen, waren zum großen Teile (?) Juden. Sie lieben nicht allein ihre Feinde, die deutschen Antisemiten, sondern lassen sich auch für sie verhauen, — was sogar das Evangelium nie verlangt bat!« Besonders wohlgelungen ist das dritte Buch, das in seinen drei Kapiteln den Idealismus und die Reformbestrebungen in Deutschland, die Rabbinerversammlungen und die Wirkungen auf andere Länder darstellt. Treffliche Einsicht in den Charakter des Judentums und der Zeit, gründliche Berücksichtigung der Einzelliteratur, aus moderner Auffassung fließende soziale und religiöse Anschauungen, die bei allem Liberalismus von jeder radikalen Übertreibung sich fern halten und von dem Strom der geschichtlichen Entwicklung selbst sich tragen lassen, treffen hier zu ausgezeichneter Darsteilung zusammen. Schon die einleitenden Blätter dieses Abschnittes (S. 154 ff.), die die Eingliederung der Juden in die moderne Gesellschaft behandeln, gehören in ihrer knappen und doch alle Probleme erschöpfenden Form mit zum Besten des Gesamtwerkes. So ist auch die nachfolgende Schilderung der Reformbewegung mit ihrer maßvollen Beurteilung, die ebenso die Unhaltbarkeit der orthodoxen Auffassung wie die Schwächen der Aufklärungs- und Reformzeit auf deckt, eine vom wissenschaftlichen, wie vom Parteistandpunkt aus einwandfreie Leistung; ihre Lektüre kann nur aufs dringendste empfohlen werden, sie kommt gerade zurecht, um bei dem jetzigen Wiederaufflammen des Parteiwesens aufhellend und klärend durch die Lichtreflexe der