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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1910-01-01 · Heft 1 · p. Seite 106

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
54 (1910)
Issue
Heft 1
Article
[Rezension]
Date
1910-01-01
Page
Seite 106 (sequence 4)
Language
German
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106 Besprechungen. schildert. Knapp und scharf ist vor allem Napoleons Stellung zu den Juden gezeichnet, rücksichtslos mit psychologischer Sezierkunst die Persönlichkeit des Herrschers wie das Verhalten der Juden selber dargeiegt. Diese Rücksichtslosigkeit der Charakterisierung, die keinerlei Entschuldigung kennt, ist ein auffälliger Grundzug des ganzen Werkes. Man fühlt es förmlich heraus, daß der Verfasser lieber etwas stärker nach der düsteren Seite hin retouchiert* als daß er den Verdacht irgend einer servilen Voreingenommenheit gegen geschichtliche Größen oder den Vorwurf allzuglimpflicher Behandlung seiner Glaubensbrüder wecken möchte. Die Schärfe des Ausdrucks geht sicherch des öfteren darin zu weit, Zwei charakteristische Beispiele! S. 15: »Die Notablen bekunden eine bis zum Irrsinn gesteigerte Begeisterung für den Kaiser«; Graetz spricht auch von der überschwänglichen, an״ widernden Vergötterung Napoleons, »allein — fügt er hinzu — diesen Taumel teilten sie mit beinahe ganz Frankreich und dem halben Europa«. Ph. kennt keine solche Entschuldigung. Ähnlich S. 37 das Urteil über Goethe: »Der blöde Antisemitismus macht sogar den Genius taub und dumm«, während nach Graetz »Goethe die Unduldsamkeit gegen die Juden nicht gerade aus sich heraus sprach, sondern nur die Stimmung wiedergab, die auch in den gebildeten deutschen Kreisen herrschend war«. Auf die nicht allgemein berechtigte, scharfe Verurteilung der elsäßischen Juden hat bereits Ginsburger an anderem Orte hingewiesen. Ebenso weitgehend ist der — S. 59 — gezogene Schluß, die alte Sittenstrenge sei offenbar aufgegeben gewesen, weil im Verzeichnis der Berliner Juden sich vier geschiedene Frauen und vier uneheliche Kinder finden! Das Zeitalter der Reaktion mit seinen traurigen Bildern schildert das zweite Buch, zunächst Deutschland, dann die übrigen westeuro״ päischen Länder, endlich Rußland und Polen durchmusternd. Es greift tiefer als die bisher vorhandenen Darstellungen in die Ursachen der Bewegung, besonders in Deutschland, und in die Kennzeichnung der Haltung der Juden hinein. Der christlicl e Staatscharakter, der Chauvinismus der Deutschtümelei, die Aufblüte der religiösen Mystik, die Herrschaft der reaktionären historischen Rechtsschule werden in ihrer Haltlosigkeit und Gefährlichkeit trefflicher kritischer Beleuchtung unterzogen, und es ist wohl nur ein Versehen im Ausdruck, wenn diese Quellen des blinden Antisemitismus der Reaktionsperiode als »aus an sich löblichen Beweggründen erwachsen« bezeichnet werden (S. 86). Demgegenüber wird mit Recht der Widerstandskraft, dem Mut und Opfersinn der Juden in der Verteidigung ihrer Rechte immer wieder alles Lob gezollt. Es sind zwei Gesichtspunkte, denen Philippsons Darstellung hier und auch sonst absichtlich und in Rücksicht ihres

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