Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 54 (1910)
- Issue
- Heft 1
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 104 (sequence 2)
- Language
- German
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104 Besprechungen. erlebt, als Mann aber, wiederum in ihrem Mittelpunkte stehend, selbst mitverfochten und mitfortgeführt, so daß ihm nach eigenem Bekenntnis die zu behandelnden Fragen gleichsam in Fleisch und Blut übergegangen waren. Die Gefahren, die einer objektiven Geschichtsforschung aus solcher persönlicher Anteilnahme an den Geschehnissen erwachsen, hat Philippson natürlich nicht unterschätzt, und manche Parteirichtung im Judentum wird seinem Werke zum Vorwurf machen, daß er sie nicht immer gänzlich überwunden habe. Allein bei einem Geschichtswerk, das bis in das Heute hineinreicht, ist eine nackte Erzählung der Ereignisse unmöglich und auch wertlos; jede Aufdeckung der Zusammenhänge, jede Darlegung der inneren und äußeren Ent- Wicklung, jede Entwirrung und sorgsame Aufreihung der von de!r Vergangenheit her uns selber noch umspinnenden Fäden führt auch von selber zu aus weiterer und tieferer Schau gewonnenen Lehreaa und Hinweisen und würde die blasse und farblose Objektivität des Berichtes zu einer Unwahrheit dem Leser gegenüber machen. Nicht in der subjektiven Färbung überhaupt, sondern in deren Übermaß liegt der Fehler des elften Bandes der Gr aetzschen Geschichte, nicht in der persönlichen Stellungnahme, zu der jeder Überblick über auf״ gedeckte Geschehnisse deduktiv geradezu herausfordert, sondern in dem verkehrten Maßstab, den Liebe und Haß einer starken Natur von vornherein mitbringt, und mit dem sie alsdann geschichtliche Persönlichkeiten und Tatsachen gewaltsam meistert und einzwängt. Wer Philippsons neueste Geschichte, die nunmehr in ihren zwei wichtigsten Bänden vorliegt, mit der Graetzscben Schlußdarstellung der Geschichte der Juden vergleicht, wird freilich nicht den leidenschaftlichen, stur־ mischen, fortreißenden Schwung des genialen Pfadfinders unserer jüdischen Historik darin finden; aus ihr spricht vielmehr der ruhige und besonnene Geist des gewissenhaften Quellenforschers, der alle Richtungen historisch rubrizieren und begreiflich machen möchte, auch wo er ihre Ziele nicht billigt, und der, wenn er sein kritisches Urteil abgibt, ihm möglichst das persönliche Gepräge zu nehmen und es dem Leser gleichsam als die natürliche Konsequenz der geschichtlichen Entwicklung darzutun sucht. Ist ihm das begreiflicherweise auch nicht überall gelungen, so hat Philippson es doch in glücklicher Weise vermieden, von der Scylla eines einseitigen Parteiwerkes in die Charybdis eines farblosen Nachschlagebuchs zu geraten, wie er auch den rechten Ton für eine auf wissenschaftlichem Untergründe fußende populäre Darstellung getroffen hat. Denn dies liegt ja in der Ab* sicht der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums, in streng wissenschaftlich begründeten, zugleich aber volkstümlich gehaltenen Werken ein Bild des Standes der jüdischen Entwicklung*