Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 54 (1910)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Ein Memorandum der russischen Regierung
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
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10 Ein Memorandum der russischen Regierung. Landgebiete abgesondert, aus ihrer Mitte ein dreimal größeres Kontingent als das normale für die Dauer von zehn Jahren ausgehoben werden, wovon fünf Jahre auf die dauernde Beurlaubung entfallen. Zweck dieser Maßregel Ist, daß die Juden, die während ihrer Militärzeit erlernten Professionen im Bürgerstande nach freier Wahl fortsetzen können. »Da alle Teile?, so schließt das Dokument, »dieses Entwurfes mit dem Grundgedanken der Reorganisation des jüdischen Volkes übereinstimmen und diese durch Zwangsmaßnahmen erreicht werden soll, so kann man hoffen, daß das Ziel der Regierung, wenn auch nicht durch rasche, so doch wenigstens durch aussichtsreiche Mittel erreicht und dadurch eine zahlreiche Klasse von Bürgern, die ohne die zum Königreiche Polen gehörigen, ungefähr 1,100.000 Seelen beiderlei Geschlechts umfaßt, für den »Staat nutzbar gemacht werden wird«. Die hier wiedergegebenen Anschauungen dieses merk־ würdigen Dokumentes reden eine so deutliche Sprache, daß nur wenige Bemerkungen zu ihrer Erläuterung genügen werden. Wir erwähnten bereits, daß es im Munde der russischen Regierung sonderbar klingt, wenn sie den Juden Aberglauben, Voreingenommenheit usw. vorwirft, während gleichzeitig die autochthone Bevölkerung in finsterster Knechtschaft niedergehalten wurde, der Bauernstand. in Leibeigenschaft schmachtete und von irgendwelchen erhebliehen Versuchen der Regierungskreise zur Hebung des zivilisatorischen Niveau’s ihrer Untertanen nicht die Rede sein kann. Warum also dieser Eifer, gerade die Juden aufzuklären? Sie halten sich vom bürgerlichen Leben ferne, antwortete die Regierung, d. h. sie passen nicht in das Schemajdes offiziellen Nationalismus, der alles russifizieren wollte. Und diesen Zweck hatte die Regierung zunächst im Auge. Sie wollte die Juden jener streng vorgezeichneten Schablone des Russentums anpassen. Nicht um ideelle Be- Strebungen irgend welcher Art handelte es sich, sondern