Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 54 (1910)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Ein Memorandum der russischen Regierung
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2829132-2829827-2829829-2846746--37587-2846793- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Ein Memorandum der russischen Regierung. 1! einfach darum, die Juden zu russificieren. Mögen sie Analphabeten werden, wenn sie nur »Russen« sind. Aber die Regierung hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht, und es zeigte sich bald, daß das russische Judentum kein Mechanismus ist, den man nach Willkür ummodeln kann, sondern ein Organismus mit einer starken, kulturellen Note und ausgeprägten Individualität. Man hatte vergessen, daß die Juden Rußlands nur darum nicht an der »Aufklärung« participiert hatten (wie in den übrigen Ländern Europas), weil die autochthone Bevölkerung eine derartige Entwickelung ebenfalls nicht durchmachte. Aber zugegeben, daß die »Aufklärung« im Sinne der Regierung not tat, wie hätte sie ihr Ziel erreichen können, da doch alle Maßnahmen von dem Geiste drakonischer Polizeivorschriften erfüllt waren? Neben den Vorschlägen zur Errichtung staatlicher jüdischer Schulen, Einführung des Institutes der Gouvernementsrabbiner und Bekämpfung des jüdischen Fanatismus läuft die ganz sonderbare Einteilung der Juden in nützliche und schädliche, und den letzteren wurde das ganze jüdische Proletariat beigezählt, das durch die völlig abnormen historischen und ökonomischen Bedingungen auf die tiefste Stufe der sozialen Nomenklatur herabgedrückt worden war. Nicht alle maßgebenden Faktoren aber dachten so wie die Regierung. Der Generalgouverneur von Neurußland, Woronzew, schrieb, um seine Meinung befragt, unter dem 16. Oktober 1843 etwa Folgendes: »Ich wage zu meinen, daß die Bezeichnung »schädlich« für einige 100.000 Menschen, die nach dem Willen der Allerhöchsten Regierung im Reiche leben, sowohl streng als auch unrichtig ist . . Wenn man unparteiisch urteilt, so muß man darüber staunen, daß diese zahlreichen Händler als unnütz oder gar als schädlich angesehen werden, während sie durch ihre kleinen, wenn auch geschmähten Gewerbszweige ohne