Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 54 (1910)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Ein Memorandum der russischen Regierung
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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6 Ein Memorandum der russischen Regierung. durch die Erlaubnis, daß die Juden christliche Schulen besuchen durften. Als Ergänzung dieses Statuts wurde 1839 eine Neuregelung der »Fleischsteuer« versucht. Als Steuer- Objekte wurden das koschere Fleisch, der Mietzins von Häusern, rituellen Bädern und Schänken erklärt. Die Erträgnisse sollten für Schuldentilgung, Steuern, Zahlung rückständiger Abgaben, Wohltätigkeits- und Bildungszwecke verwendet werden. Obwohl die Stadtduma das Aufsichtsrecht über die Verwendung der Fleischsteuer erhielt, blieb doch der Einfluß des Kahal auf diesem Gebiete weiter bestehen. So kommt denn die Regierung zu dein Ergebnis: »Die Repressivmaßregeln begegneten immer den größten Schwierigkeiten, und wenn sie auch in den Gouvernements Witebsk und Mohilew erfüllt wurden, die Hoffnungen, die man in sie setzte, haben sich nicht bewährt. Die Juden, die aus den Dörfern und Flecken ausgewiesen wurden, gingen zu Grunde; die Lage der Dorfbewohner besserte sich nicht« Der Entwurf führt nun die verschiedenen Maßnahmen an, durch welche die Gesetzgebung anderer europäischer Länder das interne Leben der Juden zu beeinflußen und die jüdische Gemeinschaft zu organisieren versuchten. Es gehe daraus hervor (so meint die Regierung), daß die Isoliertheit der Juden von dem bürgerlichen Leben nicht in zufälligen Charakterdefekten, sondern in den »religiösen Verirrungen« ihren Grund hätten. Während in den auswärtigen Staaten die radikalen Eingriffe der staatlichen Gewalt sowie das höhere Bildungsniveau der Juden eine Anpassung derselben an das bürgerliche Leben herbeizuführen vermochten, leben die jüdischen Massen Rußlands im Zustande von» Landstreichern und Bettlern.« Als positive Maßnahmen werden nun von der Regierung vorgeschlagen: 1. Eine sittlich-religiöse Umgestaltung des jüdischen Lebens im Einklänge mit den Zielen der bürgerlichen Gesellschaft.