Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 53 (1909)
- Issue
- Heft 1
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 116 (sequence 3)
- Language
- German
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116 Besprechungen. abgesprochen werden kann. In welchem Verhältnis steht nun das Judentum zur Religion des Volkes Israel oder der alttestamentlichen Religion? Nach dem Standpunkte des Christentums und auch der neueren wissenschaftlichen christlichen Theologie ist das Judentum ein welker Zweig der alttestamentlichen Religion, dessen Abwelkungsprozeß schon in der Zeit Esras beginnt. Judaismus, Pharisäismus, Taimudjudentum seien die einzelnen Phasen dieses Prozesses. Saft und Kraft der alttestamentlichen Religion sei durch eine neue Offenbarung — oder wie es die Wissenschaft sonst erklären mag — in das Christentum übergeleitet worden. —־ Demgegenüber will Güdemann zeigen, daß das heutige Judentum in ununterbrochener Kontinuität die Fortsetzung dieser Religion ist. Ein Hauptmangel der modernen wissenschaftlichen christlichen Theologen ist die Unbe״ kanntschaft mit den Hauptvermittlern der Überlieferung, den Pharisäern, deren neutestamentliches Zerrbild trotz aller Pseudokritik, oder vielmehr dank dieser Tätigkeit, noch immer die Geister beherrscht. Nur hie und da zeigen sich Spuren gerechterer Würdigung ihrer Tätigkeit und ihrer Verdienste. (Vgl. Travers Herford Christianity in Talmud and Midrash. London 1903 — unter Deutschen Gelehrten, besonders Reuß und J. Baumann). Ihnen wird u. a. die Erhaltung des Kanons der h. S. verdankt, und zwar nicht etwa als Ergebnis knechtischer Unterwerfung unter eine Überlieferung des Hergebrachten, sondern ihrer kritischen Beurteilung der Schriften im Hinblick auf die Übereinstimmung ihres Inhalts mit dem, was sie als religiöse Wahrheiten betrachteten. Solche Feststellungen und Revisionen des Kanons, deren erste auf Hiskia zurückgeführt wird, haben im Talmud Spuren hinterlassen, die einen Beweis für den Kritizismus der Schriftgelehrten und Pharisäer liefern. Die Tatsache, daß sie es sind, die die Sammlung der prophetischen Bücher erhalten und verbreitet haben, sollte deutlich genug dafür zeugen, daß sie nicht bloß jenen vielgenannten »Gesetzeszwang» als ihre Hauptaufgabe betrachtet haben, sondern daß sie sich als Fleisch von dem Fleische jener Propheten ansahen, für deren Zukunftsideale sie von gleicher Begeisterung entbrannt waren. Sie, die Erben eines Jesaia und Esra zugleich, hatten sich die Pflege und Erhaltung des religiösen Lebens und der religiösen Lehre zum Ziel gesetzt und für die Beschäftigung mit diesem Volkserbteil weite Kreise des jüdischen Publikums gewonnen. Es ist ihnen gelungen, trotz der Ungunst der Zeiten den Juden ihren eigentümlichen Geist zu erhalten, dessen Lebensluft Denken, Forschen und Erkenntnis ist. Selbstverständlich kam dieser ihrer Tätigkeit die einzigartige, dem jüdischen Volksgeiste innewohnende r e i i g i o n sbildende Kraft entgegen, »deren Beurkundung die schriftliche