Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 52 (1908)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Die Satire in der jüdischen Literatur
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Die Satire in der jüdischen Literatur. 5 Olympia, einem der sieben Wunder der alten Welt, hätte in seinen Augen kaum mehr Gnade gefunden. Derselbe Prophet (23, 15—16) verhöhnt Tyrus, die stolze phönikische Handelsstadt, als sie durch die sich immer mehr ausbreitende assyrisch-babylonische Weltmacht ins Gedränge kam. Er rät ihr, wie man, um mich eines modernen Ausdrucks zu bedienen, einer verblühten, einst gefeierten Sängerin rät, sich im Tingel-Tangel hören zu lassen, dessen Besucher in ihren Ansprüchen bescheiden sind. Die Israeliten hatten allen Grund, Babylonien zu hassen. Jesaias (14) schildert das Erscheinen Nebukadnezars in der Unterwelt, wo er von den dort ruhenden Königen verspottet wird, »daß er, der die Erde erzittern und die Reiche erbeben gemacht hat, der Weltbezwinger, der sich einem Gotte gleich gedünkt, wie andere Sterbliche auch in die Hölle gestürzt sei.« Man glaubt ein Kapitel aus D a nt e s »götttlicher Komödie« zu lesen. Jesaias (3) führt uns in einer Rede über den übertriebenen Luxus der Frauen an den Putztisch einer eleganten Dame, die alle Künste der Toilette aufbietet, um ihre Reize im hellsten Glanze erstrahlen zu lassen, damit sie, wenn sie auf der Straße mit elastischer Grazie und unnachahmlicher Koketterie einherschreitet die Herren der Welt bezaubere. Wir vermeinen schier eine Predigt von Abraham a Santa C 1 a r a zu lesen. Der Spruchdichter (Spr. Sal. 7) warnt vor der Verführung eines verwerflichen Weibes. Die Pointe der krassen Schilderung könnte man in der folgenden modernen Fassung wiedergeben. Madame de Frivolit6, eine schöne, junge Strohwittwe, empfing in ihrem Boudoir ihren Hausfreund, den Marquis d’lmbäcile, den sie in schmeichelhafter Weise eingeladen hatte. Sie unterhielt sich mit ihm in der angenehmsten Weise. Plötzlich wurde sie verstimmt und bemerkte auf die Frage, was ihr fehle, daß ihr Mann bei der Abreise aus Versehen den Kassaschlüssel mitgenommen habe.