Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 49 (1905)
- Issue
- Heft 1
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 124 (sequence 5)
- Language
- German
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124 Besprechung. sie nach unserer heutigen Anschauung gefehlt haben. Aber unsere Aufgabe ist es, eine rein historische Erkenntnis des Vorgangs und die rechte Stellung zu demselben zu gewinnen. Um die Religions-und Gewissensfreiheit ist es trotz ihrer verfassungsmässigen Anerkennung in nicht wenigen europäischen Culturstaaten auch heute noch recht schlimm bestellt; Spinozas Zeitgenossen aber, und dafür liefert das vorliegende Buch zahlreiche Belege, waren von unserer Anschauung himmelweit entfernt. Freiheit in Glaubenssachen war ein für jene Zeit völlig unerhörter Begriff; der Bann ist nach der Erklärung des freidenkenden Begründers der Sekte der Mennoniten »das Kleinod der Kirche, ohne das eine Gemeinde wie eine Stadt ohne Mauern und Tore sei.« (p. 76). Wo die Kirche die Herrschaft besass, daver־? hängte sie ganz andere Strafen als den nur in der Theorie schreckliehen, aber in der Praxis völlig unschädlichen Bann. Ungläubige, auch wenn sie in einer anderen Religion geboren waren, wurden als Ketzer verbrannt. Abtrünnige mussten der schwersten Misshandlungen ge־־ wärtig sein. Man vergleiche mit dem Bann gegen Spinoza die harte Strafe, die gegen seinen Freund Adriaan Koerbagh beantragt wurde; und wenn das Urteil auch schliesslich milder ausfiel, so war es in seiner Schwere und seiner strengen Ausführung noch immer grausam genug (p. 144). Wer das Verhalten der Juden gegen Spinoza so hart verurteilt, darf auch die Stellung, die Christen zu ihm einnahmen, nicht übersehen. »Ein gewisser Spinoza aus Amsterdam, der, von jüdischen Eltern geboren, ein Atheist, Religionsspötter und schädliches Werkzeng in dieser Republik ist«, so suchten ihn seine orthodoxen Gegner in Voorburg änzuschwarzen, noch ehe eines seiner verschrieenen Bücher erschienen war (p. 147 f.). Welche Beurteilung er dann später fand, besonders nach dem Erscheinen des theol. politischen Tractats,. ist durch Freudenthals Forschungen in helles Licht gesetzt, (p. 224 ff. u. die zugehörigen Noten.) So war der Geist der Zeit im allgemeinen beschaffen. Und nun denke man sich in die Lage der amsterdamer Gemeinde hinein, in die Stimmung der Marranen, die um des Glaubens willen die härtesten Verfolgungen ertragen hatten, die nun glücklich waren, ihrer Religion wieder leben zu können, und plötzlich von einem Jüngling, auf den sie grosse Hoffnungen gesetzt hatten, ihren altehrwürdigen Glauben für einen Irrtum, die dafür gebrachten Opfer für eine Torheit erklärt sahen! »Dass man Spinoza, der die Grundlagen der jüdischen Religion augetastet hatte, als einen Feind innerhalb der eigenen Mauern ansah und ihn aus ihnen entfernte, wird man demnach der jüdischen Gemeinde nicht zum Vorwurf machen dürfen, (p. 77)«.