Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 49 (1905)
- Issue
- Heft 1
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 121 (sequence 2)
- Language
- German
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Besprechung. 121 und will darum hier nur die hauptsächlichsten Punkte noch einmal hervorheben, um zu zeigen, wie der Verf. sein Material zu gestalten und zu beleben wusste. »Sein Aussehen zeigte, dass er von portugiesischen Juden abstammte; denn er hatte eine dunkle Hautfarbe, schwarzes lockiges Haar und lange schwarze Augenbrauen«, so berichtet Colerus, der älteste Biograph (Frdthl. p. 218). Jedoch hat die jüdische Abkunft Spinozas bisher nur dazu gedient, um gehässige Ausfälle gegen seine Stammesgenossen zu veranlassen. Dass der Philosoph seiner Gemeinschaft gewisse Anlagen verdankte, dass seine Umgebung, seine Erziehung, die Traditionen der Familie und der Gemeinde, die Eindrücke der Kindheit und des Jünglingsalters auf die Richtung seines Geistes, seiner Studien, auf die Ausbildung seines Charakters einwirken mussten, das alles ist bisher wenig oder gar nicht beachtet worden. Der Jude in Spinoza kommt in Freudenthals Dar- Stellung zum ersten Male zu seinem Recht. Da werden wir zuvörderst über die Familie Spinozas unterrichtet, über ihre spanische Abkunft, ihre Verzweigungen, ihre Irrfahrten auf der Flucht vor der Inquisition und ihre schliessliche Ansiedelung in Amsterdam. Wir lernen einige der Ahnen kennen, erfahren von der geachteten Stellung, die der Grossvater und Vater Baruchs in der jüdischen Gemeinde von Amsterdam einnahmen. Für die Biographie Spinozas folgt aus diesen Nachrichten mit Sicherheit, dass er in Amsterdam geboren ist, dass sein Vater, ein frommer Kaufmann, dort reiches Ansehen genoss, dass die Mutter schon sechs Jahre nach seiner Geburt ihm durch den Tod entrissen wurde. »So hat nur in der ersten Zeit der Kindheit das Auge der Mutter über ihm gewacht, und gerade in den Jahren der lebhaftesten Entwicklung fehlte ihm ihre Liebe und Fürsorge« (p. 23). Damit erklärt sich gar mancher sonst rätselhafte Zug in dem Charakter des Philosophen; ohne Liebe erzogen, fühlte er in seinem Herzen nicht die rechte Pietät gegen das Vaterhaus und gegen seine Gemeinschaft, vgl. Frdthl. S. 197 ff. Der Bildungsgang Spinozas war stets bekannt. Er hat dieselbe Erziehung genossen, wie sie vornehme jüdische Familien ihren Kindern angedeihen Hessen. Mit diesen Bemerkungen begnügte man sich meist. Jetzt können wir den Knaben durch alle Klassen der Schule verfolgen, uns die Unterrichtsfächer vergegenwärtigen, die ihm gelehrt wurden, und die Männer kennen lernen, in deren Händen der Unterricht lag. Die Studien der Jugend und die dann freiwillig fortgesetzte Vertiefung in die jüdische Literatur haben Spinoza eine Fülle von Kenntnissen zugeführt, haben ihm manche Frage nahe gebracht, die sein Denken das ganze Leben hindurch beschäftigte,