Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 49 (1905)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Raschi und Maimuni
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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6 Raschi und Maimuni. tische Erläuterung der in den einzelnen Traktaten der Mischna enthaltenen Begriffs- und Qesetzesgruppen wie in einen das Ganze einfassenden Rahmen ein. Im Buche der Gebote bietet Maimuni zum ersten Male eine feste, logisch durchdachte und systematische Grundlage für die von altersher übliche Zählung der biblischen Gebote und Verbote. Aber ihren grössten Triumph feierte MaimunFs Methode in seinem Mischne-Thora. Hier verarbeitet er den riesigen, aus dem ganzen Gebiete der Traditionslitteratur zusammengetragenen Stoff auf solche Weise, dass jede Einzelheit des Religionsgesetzes die ihr gebührende Stelle bekommt, und er gestaltet mit unübertrefflicher Systematik einen aus vierzehn Büchern bestehenden Codex, deren erstes in ähnlicher Bearbeitung die Thesen und Regeln des religiösen Glaubens und der religiösen Sittenlehre darbietet. Während die genannten drei Werke ihren Stoff der Traditionslitteratur entnehmen, ist das letzte grosse Werk MaimunFs, der Wegweiser der Verirrten, der Auslegung der heiligen Schrift gewidmet. Denn die »Verirrten«, denen dieses Werk als Wegweiser dienen soll, sind — wie Maimuni selbst es ausspricht — solche ernste Leser der heiligen Schrift, in denen die Widersprüche zwischen den biblischen Texten und den Ergebnissen des vernunftgemässen Denkens peinigende Zweifel hervorgerufen haben; aus dem Labyrinthe dieser Zweifel will MaimunFs Werk diese Verirrten zu der Klarheit einer Erkenntnis führen, für die solche Widersprüche aufhören und die Uebereinstimmung zwischen Offenbarung und Wissenschaft hergestellt ist. In diesem Werke MaimunFs, in dem der grosse philosophische Denker ebenso zum Worte gelangt, wie der rationelle Bibelforscher, erreichte seine Lebensarbeit ihren Gipfelpunkt; diese Lebensarbeit aber ist zugleich die reifste und dabei letzte, bleibenden Werth beanspruchende Frucht jener Glanzperiode. Und unter welchen ganz anderen äusseren Umständen