Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 48 (1904)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1904)
- Article
- Heinrich Graetz
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 37 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Heinrich Graetz. Ein Lebensbiid. 37• sam, aber stetig vor, bis es 1816 glückte, eine höhere jüdische Privatschule in Posen zustande zu bringen. Wohlhabende und unabhängige Väter fanden vereinzelt den Mut, ihre Kinder den Gymnasien oder höheren Christliehen Schulen zuzuführen, deren es übrigens damals in der Provinz nur sehr wenige gab. 1824 griff die Regierung ein und verordnete, dass in allen existenzfähigen Judengemeinden deutsche Elementarschulen eingerichtet werden. Die Verhältnisse gestalteten sich nun eigentümlich dahin, dass man allgemeine Bildung, die Kenntnis deutscher, französischer und englischer Klassiker als einen Vorzug und Schmuck der Persönlichkeit zu schätzen begann und dennoch das heranwachsende Geschlecht über Lesen, Schreiben und Rechnen hinaus in der Aneignung derartiger Kenntnisse nicht förderte, dasselbe vielmehr auf die Beschäftigung mit dem rabbinischen und hebräischen Schrifttum zu beschränken wünschte, dass man ferner in den Grossgemeinden, wie Posen und Lissa, den Centren des Talmudstudiums, die jungen Leute, insonders die Talmudschüler, von der Erlernung profanen Wissens geradezu abzuschrecken suchte, während häufig in den kleinen Gemeinden diesem Bildungsstreben, soweit es möglieh war, Vorschub geleistet wurde. So schwer und mühsam also gerade die besseren, die aufstrebenden Kräfte jener Generation in der Provinz sich durchzuringen hatten, um ihren Weg zu finden, so wurde doch dies wiederum durch den Vorteil aufgewogen, dass dadurch ihre geistige Energie und Selbstständigkeit gestählt wurde, dass sie fast durchwegs von dem Geist des Talmuds durchtränkt, mit seinem Wesen innig vertraut waren, und dass sie, von Enthusiasmus für die rabbinischen Heroen erfüllt, die Begeisterung für die Ideen des Judentums in sich einsogen und durch das Leben trugen. Das war der Boden, auf dem Heinrich Graetz heranwuchs; derartig waren die Verhältnisse und Faktoren, von