Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 47 (1903)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Die Vorlesungen Ad. Harnacks über das Wesen des Christenthums
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 66 (sequence 14)
- Language
- German
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66 Die Vorlesungen Harnacks über das Wosen des Christenthums. ״Niemals“, sagt Renan, ״hat׳ ein Religionsstifter An- }uinger gehabt, die ihm weniger ähnlich gewesen wären, wie Jesus. Er war viel mehr ein grosser Jude, als ein grosser Mann, Seine Schüler haben aus ihm dasjenige gemacht, was allen jüdischen Anschauungen und Vorstellungen widersprach, einen Gottmenschen. Was durch Aberglauben, Metaphysik und Politik zu seinem Werke hinzugefügt worden ist, das hat die Gestalt des grossen Propheten derart verhüllt, dass dem Anscheine nach eine ־jede Reform des Christenthums darin besteht, die Ausschmückungen zu beseitigen, welche unsere heidnischen Vorfahren hinzugefügt haben, um rein auf Jesus selbst zurückkommen“1). Diese Rückkehr hat die Reformation, des sechzehnten Jahrhunderts selbst noch nicht vollzogen. ״Sie war zunächst eine Rcaction des Gewissens der Völker gegen die Aousserlichkeit, mit welcher der Clerus das Werk ihrer Versöhnung mit Gott betrieben hatte2)“. Die überlieferten Dogmen wurden mit geringen Veränderungen beibehalten, von Calvin sogar die Lehre von der Gnadenwahl. Aber das von den Reformatoren eingeleitete eifrige Studium der heiligen Schrift Hess allmählich die ursprünglichen Lehren imxner stärker hervortreten. Die griechischen Phiiosopheme, die Lehren vom Logos und selbst diejenigen von der Sünde und der Gnade verloren immer mehr an Verständniss und Roden. Die Worte der Bibel aber durchbrachen mit der Zeit die dogmatische Hülle, die sie seit Jahrhunderten umgeben hatte, gewannen in ihrer Einfachheit und Schlichtheit neue Kraft in den Gcmüthern und brachten die alten religiösen Vor- Stellungen zu neuem Leben. Das Ergebniss der eingehenden Prüfung der Lehre von der Dreieinigkeit fasst deshalb Schenkel3) in die Worte zusammen: ״Es ist wissenschaftlich nicht mehr möglich, die kirchliche Dreieinigkeitslehre biblisch zu begründen. Jeder derartige Versuch wird an der unbefangenen historischen Auslegung scheitern, d. h. an dem sittlichen Ernst der Forschung, an dem Geist der Wahrheit und Wahrhaftigkeit selbst“. Und in gleichem Sinne erklärt Harnack4): ״Nicht der Sohn, sondern allein der Vater gehört in das Evangelium, wie 08 Jesus verkündigt hat, hinein“. ג> a. a. -0. VII, 634, ג) Stia.088 a. a. 0. I 45, II 480 fit. :1) In 8. Bibellexikon II 25. *) Das Wesen de& Ohr. 8. 91.