Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 47 (1903)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Die Vorlesungen Ad. Harnacks über das Wesen des Christenthums
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 65 (sequence 13)
- Language
- German
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Die Vorlosungen Harnacks iibor das Wesen <U\s Christenthums. t>0 Gott habe rein aus seinem Willen heraus von vornherein nur einen Theil der Mensehen in Christo auserwählt, die meisten aber verworfen, ״damit an dorn Schicksale der Verworfencn die Erwählten sehen möchten, was auch sie verdient hätten und dass es die pure Gnade sei, der sie ihr glückliches Loos verdanken*1 2)• Aus solchen religiösen und philosophischen Speculafcionen und mit ihnen sich verbindenden Schriftdeutungen entstand das weitverzweigte System der christlichen I) ogni a t i k und bildeten sich die verschiedene Symbole, oder Glaubensregeln, der einzelnen Coniessionen. Sie beschäftigten mehr oder weniger nur die Gelehrten. Das religiöse l>ewusstsein des Volkes aber war nahezu ausschliesslich erfüllt von dem Bilde Jesu, hinter dem die Vorstellung von Gott dem Vater fast vollständig z urü ck trat3). Es ist nicht zur ״entscheidenden!bewirkenden Thatsacho für die Zukunft“ geworden, was Ilarnack als die Leistung von ״Jesu mit dein Tode gekrönten Leben“ bezeichnet: ״Br ist der Weg zum Vater, und er ist, als der vom Vater Eingesetzte, auch der Richter“. Er wurde vielmehr selbst der Erlöser, der Heiland, der die Sünden vergibt und selig macht. Seine Lebensgcschichte ward der Inhalt des Gottesdienstes und dessen Mittelpunkt Messe und Abendmahl, das nicht nur als eine Gedächtnissfeier, sondern als eine wirkliche, in wunderbarer Woise sich vollziehende, Erneuerung soines Opfers und seines heilbringenden Todes aufgefasst wurde. Von hier aus entwickelte sich sodann immer stärker das Verlangen, das Göttliche sinnlich wahrzunohmen und es suchte seine Befriedigung weiter in der Verehrung von Bildorn, Reliquien und Zeichen. Mit diesem Cultus verband sich derjenige der Mutter Gottes, sowie von Engeln, Heiligen und Märtyrern und der Glaube nicht nur an ihre wundertätigen Wirkungen, sondern auch an die ihrer letzten Ueberbleibsel und Erinnerungszeichen. Wie die griechische, insbesondere die neuplatonische, Philosophie in die christliche Dogmatik eingezogen ist, so haben sich ״die alten Götter in christliche Heilige, Engel und Herren, die alte Mythologie und der alte Cultus in christliche Mythologie und christlichen Localcultus verwandelt“3). 1) Strauss, Glaubenslehre XI, 414 ■ff. 2) Renan VII, 504 f, Harnack, Dogmengesch. II * 444 ff. *) Harnack, Dogmengesch. II * 442. Monalenchrift, 47, Jahrgang.