Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 47 (1903)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Das Judenthum im neutestamentlichen Zeitalter in christlicher Darstellung
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 44 (sequence 7)
- Language
- German
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44 Das Judenthum im neutestamontl. Zeitalter in christl. Darstellung. zur Correctur der obigen Urtheile geführt luiben. Es ist eine unbestrittene Thatsache: der Jude schwört nicht leicht falsch, ja er schwört überhaupt nicht leicht, er sucht den Eid seihst mit den grössten Opfern zu vermeiden. Dies setzt doch wohl einen starken Sinn für Wahrhaftigkeit voraus. An eine ״Rückwirkung des Christenthums“ (B. S. 357) ist doch hier nicht zu denken, vielmehr wurzelt diese Eigenthümlichkcit in eben der jüdischen Ethik, welche B. schildert. Aber es hat beinahe den Anschein, als ob die christlichen Autoren bei Darstellung des Judenthums im neutestamentlieben Zeitalter geflissentlich vor dem jetzigen die Augen verschliessen, weil sie ihm — wie soll ich nur sagen? die Anerkennung nicht vergönnen, dass es auf dem Stamme bodenständig sei, wovon das Christenthum sich abgezweigt hat. Man verkleinert in dem Judcnthuin der neutestamentlieben Zeit das der Gegenwart, und möchte am liebsten jedem Zusammenhang mit dem Judenthum wie mit einem unbequemen Verwandten ableugnen. Anders ist es kaum zu erklären, wenn Harnack (Wesen d. Chr. S. 10) sagt, dass die Predigt Jesu auf eine Höhe führe, ״auf welcher ihr Zusammenhang mit dem Judenthum nur noch als ein lockerer erscheint, und auf der überhaupt die meisten Faden, die in die ״Zeitgeschickte“ zurück führen, unbedeutend werden“. Natürlich muss diese ganz ungeschichtliche Behauptung zu einer Yerclausulierung führen, deren sieh zu bedienen ich dem Talmud nicht möchte angerathen haben. Denn nachdem II. unmittelbar nachher mit Bezug auf ״diese Behauptung“ sagt, dass sie ״paradox erscheinen mag“, weil man jetzt wieder eindringlich versichere, die Predigt Jesu könne nur im Zusammenhänge der damaligen jüdischen Lehren verstanden werden, bemerkt er wörtlich: ״An dieser Behauptung ist sehr viel Wahres“, erklärt sie aber doch sogleich für ״unrichtig“. Dieses be- Iwundernswiirdig geschmeidige Voltigieren von einer Meinung auf die andere hat nur den Zweck des ״Los vom Judenthum“. In dieser Absicht geschieht es, dass Sepp Sokrates «den wahren Vorläufer Christi nennt, und der ״Dilettant“ \Ckamberlain Jesus zu einem Arier macht. Auch die Devallfvation des alten Testaments in den ״Babel- und Bibel vor-!trügen“ Delitzsch’s verfolgt im Gründe dieselbe Tendenz. Es leidet aber keinen Zweifel, dass man, je fester man vor dem Judenthum der Gegenwart die Augen verschliesst, um so weniger in das des neufcestamentlichen Zeitalters und in die