Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 47 (1903)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Das Judenthum im neutestamentlichen Zeitalter in christlicher Darstellung
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 41 (sequence 4)
- Language
- German
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Das Judenthum im ueutestameutl. Zeitalter in christl. Darstellung. 41 ,wähnten Zeitalter. Der Jude der Gegenwart erkennt in ihnen seine ]Religion nicht wieder, und es ergeht ihm ähnlich wie jenem Ungar, der vor dlem Bilde seines Vater3, das nach dessen Ableben gemalt und misslungen war, ausrief: ,,Vater, wie hast du dich verändert!“ Aub dem rabbinischen Schriftthum, wie es nun einmal ist, kann man auch für die von B. auigestellten Behauptungen ohne grosse Schwierigkeiten scheinbare Beweise zusammenlesen, weil auch Augenblicks- Stimmungen und Excentricitäten durch manche Äeusserungen. darin festgehalten sind. Aber wie mancher Mensch hat sich nicht schon das Leben verwünscht, oder eine andere Ueberspanntheit geäussert, dem bloss deswegen kein Vernünftiger ״tiefe Disharmonie“ ■zuschreiben wird. Dergleichen kommt in den besten Familien vor. B. selbst tadelt S. 53 mit Recht an Webers Werk ״Jüdische Theologie auf Grund des Talmud und verwandter Schriften“, dass darin ״nirgends ein Versuch gemacht ist, das Aeltere vom Jüngern abzusclieiden, vielmehr alles auf eine Fläche aufgetragen ista. Das ist-aber noch der geringste Fehler des Buches, dessen Nachthoile und Gefahren sehr gut von C. G. Monteflore in Jew. Quarterly Rev. XIII, 171 ff. dargestellt sind. Man muss in dem rabbinischen Schriftthum auch Scherz und Ernst, Grundsatzlichca und Nebensächliches, Zufälliges und Wesentliches, Uebertreibungen und sachgemässe Urtheile, Stimmungen oder Verstimmungen, und Doctrinen auseinanderhalten. Nur 80 kann es überhaupt gelingen, aus der Mannigfaltigkeit, die freilich auf den ersten Blick den Eindruck eines ״verwirrenden Nebeneinanders“ hervorbringen kann, die einheitliche Richtung, die wirkliche ״Grundstimmung“ horauszufinden. Es ist nach dem Gesagten überflüssig, darauf aufmerksam zu machen, wie bedenklich der Versuch ist, dieses fiuctuierende Schriftthum in ein System zu pressen, oder daraus eine ״Theologie“ zu destillieren. Noch grössere Vorsicht ist bei Benützung der römischen und griechischen Urtheile über Juden und Judenthum geboten. B. führt in seine Schilderung des Judenthums iha neutestamenfclichen Zeitalter S. 76 ft. den ganz modernen Ausdruck ״Antisemitismus“ ein. Das Judenthum der Gegenwart bei Erklärung des damaligen zu Rathe zu ziehen, hat er verschmäht. Aberder moderne Antisemitismus scheint ihm ein passender Schlüssel für die Erklärung der damaligen Befeindung der Juden zu sein. Es klingt deshalb auch ganz modern antisemitisch und riecht,