Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 46 (1902)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1902)
- Article
- Die neueste Construction der jüdischen Geschichte
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 47 (sequence 47)
- Language
- German
- Belongs to
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Die neueste Oonstruction der jüdischen Geschichte» 47 erwerben können. Er hat hingegen nach höherem Ruhm gestrebt und hat nun zwar, wie hundert Andere Y0r ihm, den früheren Historikern einige Fehler nachgewiesen, wo er aber, wie es einem positiven Geist zukommt an Stelle des Unwahren das Wahre, an Stelle des Irrthums Begründetes setzen sollte, da lähmen der Mangel an Methode und an historischem Gewissen seine Begabung, leiten vorgefasste Meinungen ihn auf falsche Bahnen. Mit weithersreholter Gelehrsamkeit und haarscharfer Kritik hat er seinen Forschungen den Anstrich der Wissenschaftlichkeit zu geben versucht, doch was hilft das? ״Setz dir Perücken auf von Millionen Locken, setz’ deinen Fuss auf ellenhohe Socken, du bleibst doch immer, was du bist.״ So wäre denn dieses Buch gar schnell der wohlverdienten Vergessenheit anheimgefallen, und das Attentat, welches es gegen die wissenschaftliche Forschung zu verüben versuchte, durchaus harmlos gebliebeu. Gefährlichen Charakter nahm dasselbe erst an, als die deutsche Orthodoxie dieses Werk auf den Schild erhob und weithin als ein ״Meisterwerk״ pries. Von der Höhe herab wurde triumphierend .verkündet, dass die jüdische Geschichte bis jetzt nur von Verächtern und Verkleinerern dargestellt wurde, dass mit Dorot Harischonim hingegen eine neue Aera der Geschichtsforschung beginne, in der die seither arg entstellten jüdischen Quellen erst zu ihrem Rechte kommen sollen. Ob die neuen Resultate, die den Nimbus der historischen Ketzer zeistören sollten, auch begründet, ob der anmassende Ton und die Verunglimpfungen des Verfassers wirklich berechtigt waren, das zu prüfen schien den frommen Streitern nicht von nöthen. Die längst verhasste historische Schule war mit scharfen Worten zurückgewiesen, und das genügte, um in Halevy den hervorragendsten Gelehrten zu preisen, der in neuerer Zeit die jüdische Geschichte behandelt hat. Indessen sind bei dieser Berechnung doch einige wichtige Factoren übersehen. Die Herren beachten nicht, dass das überschwängliche Lob Halevy's ein Armutszeugnis schlimmster Art für sie selbst einschliesst. Seit nahezu fünfzig Jahren sind die beiden grossen Geschichtswerke von Graetz und Weiss in mehreren Auflagen, in verschiedenen Uehersetzungen wiederholt verbreitet worden. Enthielten sie wirklich die vielen Zeichen beschämender Unkenntnis und erschreckender Ent- Stellung der hebräischen Quellen, die ihnen jetzt unterge-