Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 44 (1900)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Zur Charakteristik des Levi ben Abraham ben Chajjim
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 27 (sequence 4)
- Language
- German
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Zur Charakteristik des Levi ben Abraham ben Chajjim. 27 sie wurde vom Judenthum die unselige Lehre von der doppelten Wahrheit fern gehalten־; nur durch sie wurde es bewirkt, dass aufgeklärte Männer vom Bewusstsein erfüllt blieben, auf dem Boden des Judenthums zu stehen. Was das bedeutet, können Zeiten lehren, wo es anders gewesen ist. Wenn das Judenthum aus der Auseinandersetzung mit der arabisch-griechischen Philosophie und Naturwissenschaft neu gekräftigt hervorging, so ist dies nicht in letzter Reihe der rationalistischen Schrift- Auslegung zu danken. Die Uebergriffe, die sie im Gefolge hatte, die im übrigen aber, zumal im Vergleich mit den schlimmen Wirkungen der Mystik, nur von geringem Nachtheil für die allgemeine Entwicklung waren, dürfen es nicht vergessen lassen, welche bedeutsame geschichtliche Aufgabe sie erfüllte. Sie leistete für das Mittelalter, was für die Gegenwart religionsgeschichtliche und ästhetische Auffassung der Bibel leisten soll. Eine Zeit, welcher der historische Sinn abging, empfand zudem die Allegorese nicht als solche. Niemand zweifelte daran, in der eigenen Philosophie die wahren Gedanken der Propheten aufgedeckt zu haben, ganz wie einst die Kataskeuasten der biblisehen Bücher meinten, das religiöse Denken und Fühlen der alten Zeiten am richtigsten wiederzugeben, wenn sie ihre eigenen religiösen Ueberzeugungen und Empfindungen sprechen Hessen. Zu einem beherrschenden Faktor wurde die rationalistische Exegese erst durch Maimuni. Der Grund ist nicht zu verkennen. Der Rationalismus ist kein System, sondern eine Methode; er will zeigen, dass die wahre Philosophie mit der Religion nicht im Widerspruch stehe. Mit Erfolg kann er dies nur thun, wenn er seine Behauptung nicht bloss von Pall zu Fall für einzelne Ideen, sondern für ein in sich geschlossenes System in allen seinen Theilen nachweist. Dies war im Mittelalter zum ersten Male durch Maimuni geschehen, und zwar nicht mit seichter Vernünftelei in der Art der Ichthyo- und Melittotheologie des XVIII. Jahrhunderts, sondern durch metaphysische und psychologische Vertiefung. Der Versuch, auf religiöser Grundlage eine einheitliche Weltanschauung zu entwickeln, ruft aber stets auch eine Popularphilosophie ins Leben. Auch an Maimuni schloss sich eine Reihe von Männern an, die mehr darauf ausgingen, die Wahrheit zu verbreiten, als sie zu suchen, die in erster Linie Lehrer und Prediger, und in zweiter erst Forscher sein wollten. Es ist kein blosser Zufall, dass die Maimunisten meist es unternahmen, das