Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 43 (1899)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Die rituellen Reinheitsgesetze in der Bibel und im Talmud
- Date
- 1899-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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9 Die rituellen Reinheitsgesetzo in der Bibel und im Talmud. von frühem Einzelforschungen verschiedener Gelehrten, bildet das erwähnte Werk von Weis», wie man wohl behaupten darf, den Anfang einer neuen Richtung auf diesem Gebiete, indem es zugleich künftigen Forschern ein weites und fruchtbares Arbeitsfeld eröffnet. Muss mm auch anerkannt werden, dass das genannte Weiss’sche Huch dem Einflüsse historischer Bedingungen auf die jeweilige Richtung in der Entwickelung der mündlichen Lehre, grosse Aufmerksamkeit zuwendet, so musste es dennoch, da seine Aufgabt‘ vorzüglich darin bestand eine IJebersicht dos Gesammtmaterials in chronologischer Reihenfolge zu geben, schon der Natur der Sache nach einen mehr biographischen als eigentlich geschichtlichen Charakter aimehmem Dem subjectiven Einflüsse der in den Vordergrund tretenden Person wird bei dieser 1 )arstellungsmethode nothwendigerweise relativ mehr Platz eingeräumt als dem Geiste und den Vorhültnisscn der Epoche. Der Einfluss historischer Bedingungen, sowohl äusserer wie innerer, wird jedoch, wie uns scheint, bedeutend stärker hervortreten, wenn man die Entwickelung eines bestimmten Gesetzes oder einer gewissen Gruppe von Gesetzen in den verschiedenen Phasen des Volkslebens vorfolgt. Diese Methode ist es nun, welche wir der Behandlung unseres Gegenstandes sowohl in der vorliegenden wie in den folgenden Skizzen zu Grunde legen werden. Als Thema dieser unserer ersten Skizze haben wir die sogenannten ״levitischeii Reinheitsgesetze“ gewählt. Abgesehen davon, dass diese Gesetzt*, in einer gewissen Beziehung zur niedieinischen Wissenschaft stehen, sind sie auch an und für sich für den Forscher von besonderem Interesse. Diese Gesetze, welche einst das ganze private und gesellschaftliche Lehen des Juden normirten, deren Controlo Speise und Trank, Kleider und Wohnung, Boden und Luft, deren sieh der Jude im Alterthume bediente, unterlagen, sind längst aus der religiösen Praxis des jüdischen Volkes geschwunden. Als gänzlich abgeschlossene historische Erscheinung lassen sie sieh, begreiflicherweise, weit eher der Analyse und Beurtheilung unterziehen, als Gesetze, durch welche sich das Volk noch immer im Leben leiten lässt. Und sollte es uns gelingen, bei der Betrachtung dieser längst ausser Brauchgetretenen Gesetze gewisse leitende Prineipien ausfindig zu machen, welche auf die Entwickelung der mündlichen Lehre überhaupt angewandt werden könnten, so werden wir unsere Arbeit als nicht ganz fruchtlos erachten.