Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 39 (1894-1895)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Das Zehnstämmereich in der Geschichtsvision des Henochbuches
- Date
- 1894-01-01
- Page
- Seite 16 (sequence 6)
- Language
- German
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16 Das Zelmstämmereich in der Geschichtsvision. gesprochen wird. Schon Dillmann bemerkt dagegen, dass hier kein einzelnes Factum gemeint sei, sondern die Stelle eine kurze Beschreibung der ganzen Endgeschichte des getheilten Reiches gebe; auch Schürer1) hebt hervor, dass sich dieser Yers auf die ehaldäisehe Eroberung nicht beziehen könne, ohne jedoch die Bedeutung desselben anzugeben. Doch wird der Sachverhalt ganz klar, und es bedarf der künstlichenJDeutungen nicht, wenn wir unserer früher dargelegten Auffassung gemäss auch in dieser Schilderung das Nordreich und seine Geschichte suchen. Wohl hatten die Zehnstämme keinen gemeinsamen Tempel, wie die südlichen in Jerusalem, dass der Ausdruck ״Thurm“ genau entspräche, doch ist Tempel und Stadt die stehende Bezeichnung für ein Reich und die Preisgebung derselben an Feinde in dem Auszuge Gottes aus jenen ausgedrückt. Demnach wäre, in UebereinStimmung mit allen früheren Yersen, hier von der Zerstörung und Eroberung Samariens durch Salmanassar die Rede. Dass in diesem Satze von einer so grossen Katastrophe und nicht etwa von blossen Angriffen und theilweisen Verheerungen der Feinde gesprochen wird, folgt auch daraus, dass Henoch, der Seher, bei diesem Anblicke, wo die Löwen die Schafe fressen, aus allen Kräften zu schreien und Gott um Schonung anzurufen beginnt, was er nicht gethan hat, als er die oben beschriebenen Niederlagen in den einzelnen Heerden schaute. Um diese Erklärung, die durch die Erwähnung des Thurmes und des Hauses scheinbar erschüttert wird, als unzweifelhaft zu erweisen, muss ich hier noch einen Punkt näher beleuchten. Es wird in Yers 68 nach der Schilderung der Zerstörung Jerusalems erzählt, dass die Schafe, die Israeliten, welche schon früher besonders berufenen Hirten übergeben worden waren, von diesen allen wilden Thieren ausgeliefert werden; jeder Hirt erhält zu seiner Zeit eine bestimmte Anzahl von Schafen, und ein Anderer hat die Aufgabe, genau aufzuschreiben, wieviel Schafe den Thieren von den Hirten preisgegeben werden, weil jeder von ihnen viel mehr, als er durfte, der Vernichtung überlässt. Henoch wehklagt und weint über die aufgefressenen Schafe. Da unmittelbar hierauf die Rückkehr aus dem baby- Ionischen Exile erzählt wird, kann es auch keinen Augenblick zweifelhaft sein, dass die Hirten von der Zerstörung Jerusalems bis zum Aufbau des Tempels wirken (s. weiter), was schon Dillmann hervorhebt. Nun wiederholt sich dieselbe Beschreibung A) Geschichte des jüdischen Volkes, II, 623.